Siemens Healthineers reagiert auf Rückmeldungen internationaler Beschäftigter mit einem neuen Unterstützungsnetzwerk und überarbeitet sein Recruiting. In Deutschland ist etwa jeder zehnte der mehr als 17.000 Beschäftigten international. Einige hatten in monatlichen Umfragen angegeben, sich nicht ausreichend einbezogen zu fühlen. Das im Januar 2026 gestartete Netzwerk Beyond Borders zählt nach neun Monaten 200 Mitglieder. Für den weltweit 74.000 Beschäftigte zählenden Medizintechnikkonzern sind Mitarbeiterbindung und effizientere Einstellungen zugleich operative Schwerpunkte.
Beyond Borders unterstützt im Alltag nach dem Umzug
Der Hauptsitz von Siemens Healthineers liegt in Erlangen. Liza Follert, Leiterin Talent Attraction für Europa, den Nahen Osten und Afrika, sagte, das Netzwerk sei als Reaktion auf Rückmeldungen aus der Belegschaft entstanden. Das Unternehmen führt seit acht Jahren regelmäßig Mitarbeiterbefragungen durch. Vor drei Jahren kam eine anonyme Möglichkeit zur Selbstidentifikation hinzu. So kann das Management besser erkennen, welche Gruppen mit ihrer Arbeitserfahrung weniger zufrieden sind.
In der Gesamtbefragung äußerten sich laut Follert 80 Prozent der Beschäftigten zustimmend. Zugleich müsse das Unternehmen die Erfahrungen der übrigen 20 Prozent verstehen, um möglichen Handlungsbedarf zu erkennen. Beyond Borders ist als Netzwerk zur gegenseitigen Unterstützung organisiert. Im Mittelpunkt stehen praktische Fragen nach einem Umzug ins Ausland: etwa die Suche nach einer Arztpraxis, der Umgang mit Versicherungsunterlagen und die Kinderbetreuung.
Die Herausforderungen betreffen viele internationale Beschäftigte in Europa. Nach Angaben der Europäischen Kommission arbeiten rund 12,9 Millionen Menschen aus Nicht-EU-Staaten in der EU. Im Expat Insider 2026 von InterNations schnitten mehrere europäische Länder bei der Bewertung der Erfahrungen von Zugewanderten schlecht ab. Befragte nannten Schwierigkeiten, Freundschaften zu schließen und sich zugehörig zu fühlen. In Deutschland verwiesen sie außerdem auf Hürden bei Behörden, Bürokratie, Wohnungssuche und Sprache. Solche Erfahrungen können es Arbeitgebern erschweren, Fachkräfte aus dem Ausland zu gewinnen und zu halten.
Beschäftigtennetzwerke für unterschiedliche Gruppen
Beyond Borders ist eines von mehreren Netzwerken, die Siemens Healthineers mit Ressourcen unterstützt. Sie können auf Hilfe der Personalabteilung und interne Kommunikationskanäle zurückgreifen, haben Führungskräfte als Sponsoren und nehmen an Strategietreffen teil. Weitere Gruppen richten sich an berufstätige Väter, LGBTQ+-Beschäftigte und Mitarbeitende am Anfang ihrer Karriere. Das Nachwuchsnetzwerk soll jüngeren Beschäftigten mehr Gehör bei Fragen der Karriereentwicklung und mehr Austausch mit dem Management ermöglichen. EmpowerME unterstützt Beschäftigte mit Krebs und fördert den Austausch zwischen Mitarbeitenden und Patienten.
In der Liste „Europe’s Best Workplaces“ des Magazins Fortune belegte Siemens Healthineers Platz neun. Follert führte das Ergebnis auf den monatlichen Austausch mit Beschäftigten und deren Möglichkeiten zurück, die Unternehmenskultur mitzugestalten. Auch die psychische Gesundheit wird in den Umfragen erfasst. Erwartungen an das Arbeitspensum und äußere Belastungen wie internationale Konflikte und Krisen hätten die Sorgen unter den Beschäftigten verstärkt, sagte Follert. Unternehmen könnten nicht wissen, wann der nächste Anstieg der Ölpreise oder eine geopolitische Krise eintrete.
Das Unternehmen hat begonnen, Beschäftigte in Erster Hilfe für die psychische Gesundheit zu schulen. In einigen Märkten, darunter Großbritannien und die USA, steht Mitarbeitenden zudem die Meditations-App Headspace zur Verfügung. Die Umfragewerte zum Stressempfinden haben sich seither stabilisiert. Welchen Anteil die Maßnahmen daran haben, lasse sich jedoch schwer bestimmen, sagte Follert.
Weniger Abgänge, höheres Bewerbungsaufkommen
Die Stimmung in der Belegschaft und die Mitarbeiterbindung spiegeln sich auch in den Personaldaten. Siemens Healthineers verzeichnete 2025 insgesamt 2.336 Abgänge. Das waren rund ein Viertel weniger als zuvor und etwa drei Prozent der Belegschaft. Die Zahl der Bewerbungen sei in den vergangenen zwei Jahren gestiegen, ebenso die Zahl der Kandidaten, die über Empfehlungen von Beschäftigten in den Auswahlprozess gelangten, sagte Follert. In Europa, dem Nahen Osten und Afrika nahmen solche Empfehlungen seit 2024 um 13 Prozent zu.
Mehr Bewerbungen und Empfehlungen erhöhen zugleich den Aufwand für die Recruiting-Teams. Eine zu große Zahl von Bewerbungen könne dazu führen, dass Personalverantwortliche vor allem den Prozess verwalteten, warnte Follert. Dennoch müsse die Erfahrung der Bewerber gut bleiben. Siemens Healthineers ersetzt deshalb sein Recruiting-System. Auf die neue Plattform sollen rund 2.500 offene Stellen und etwa 500.000 Kandidatenprofile übertragen werden. Das System unterstützt mehrere Sprachen und nutzt KI, um Bewerbern das Hochladen ihres Lebenslaufs und die Suche nach passenden Stellen zu erleichtern. Recruiter erhalten zudem einen besseren Überblick über den Stand der Bewerbungen.
Der Systemwechsel fällt in eine Phase des Umbaus: Siemens Healthineers arbeitet daran, sich von der Muttergesellschaft Siemens zu lösen. Über eine direkte Abspaltung der Aktien von Siemens Healthineers soll auf der nächsten Siemens-Hauptversammlung im Februar 2027 abgestimmt werden. Follert zufolge ist das Unternehmen auch durch eine schwierige Phase stabil geblieben, was die Loyalität der Beschäftigten gestützt habe. Während die Trennung voranschreitet, bleiben Mitarbeiterbindung, die Gewinnung von Fachkräften und ein reibungsloser Einstellungsprozess zentrale Themen.