- Die Renditen von kurzfristigen Staatsanleihen in der Eurozone stehen weiterhin unter Aufwärtsdruck. Die Rendite der zweijährigen deutschen Staatsanleihen (DE2YT=RR) stieg um 1,8 Basispunkte auf 2,59 % und verzeichnete damit den zweiten Tag in Folge einen Anstieg, was die direkte Übertragung der hohen Energiepreise auf die kurzfristigen Inflationserwartungen widerspiegelt.
- Britische Staatsanleihen (Gilts) zeigten nach dem Abklingen lokaler politischer Unsicherheiten relative Widerstandsfähigkeit. Die Rendite der zehnjährigen Staatsanleihen (GB10YT=RR) sank um 5 Basispunkte auf 4,893 %, während die Rendite der dreißigjährigen Staatsanleihen (GB30YT=RR) um 7 Basispunkte auf 5,57 % zurückging.
- Die Erwartungen des Geldmarktes an den geldpolitischen Kurs der Europäischen Zentralbank (EZB) haben sich erheblich geändert. Händler preisen derzeit eine Wahrscheinlichkeit von etwa 57 % ein, dass die EZB auf ihrer Juni-Sitzung den Leitzins unverändert lässt, während frühere makroökonomische Wetten auf weitere Zinserhöhungen zurückgegangen sind.
Strukturelle Veränderungen der Zinskurve
Der europäische Staatsanleihenmarkt verarbeitet derzeit komplexe makroökonomische Faktoren. Vor dem Hintergrund der durch geopolitische Spannungen zwischen den USA und dem Iran ausgelösten Energieprämie ist die Sensitivität der Renditen von kurzfristigen Anleihen deutlich höher als die der langfristigen. Die Rendite der zweijährigen deutschen Staatsanleihen hat sich nach einem vorherigen Rückgang schnell erholt, was auf ein gestiegenes Bewusstsein für die kurzfristige Inflationspersistenz hinweist. Gleichzeitig bleibt die Rendite der zehnjährigen deutschen Staatsanleihen (.DE10T=RR), die als Benchmark für die langfristigen Kreditkosten der Eurozone dient, stabil bei der 3 %-Marke. Die Veränderungen der Zinsdifferenz zwischen kurz- und langfristigen Anleihen zeigen, dass die Markterwartungen für das zukünftige Wirtschaftswachstum relativ stabil sind und keine systematischen Panikverkäufe aufgrund unerwarteter geopolitischer Ereignisse ausgelöst wurden. Darüber hinaus bleiben die Spreads der Randstaaten stabil, wobei die Rendite der zehnjährigen italienischen Staatsanleihen (IT10Y) um 2 Basispunkte auf 3,729 % zurückging, was zeigt, dass die Liquiditätsübertragung innerhalb der Eurozone weiterhin gesund ist.
Das Ringen zwischen makroökonomischen Fundamentaldaten und Energieprämien
Die Sorgen um das Angebot auf dem Rohölmarkt sind derzeit die Hauptvariable, die die Stimmung der Anleihekäufer belastet. Der Brent-Rohölpreis (Brent:CO1) stieg im Tagesverlauf um bis zu 3 % und notierte zuletzt bei 110,48 USD pro Barrel, was über der 100-Dollar-Marke liegt. Dieser importierte Inflationsdruck stört direkt den Entinflationsprozess der Europäischen Zentralbank. Der jüngste US-Arbeitsmarktbericht bot dem Markt jedoch eine gewisse emotionale Entlastung. Die Daten zeigen, dass die Beschäftigung in den USA im April und März stärker als erwartet gewachsen ist, während das Lohnwachstum moderat blieb. Diese Kombination milderte effektiv die tiefen Sorgen der Makro-Hedgefonds, dass die hohen Energiekosten die globalen wirtschaftlichen Fundamentaldaten schnell erodieren und eine Stagflation auslösen könnten, was dazu führte, dass sich die langfristigen Anleihen in den USA und Europa am Freitag stabilisierten.
Marginale Anpassung der Erwartungen an die Geldpolitik
Nachdem die US-Notenbank (Fed), die Europäische Zentralbank (EZB) und die Bank of England (BOE) in der vergangenen Woche die aktuellen Zinssätze beibehalten haben, hat sich die Marktpreislogik schnell auf das Ringen um das nächste politische Fenster verlagert. Basierend auf den impliziten Wahrscheinlichkeiten von Geldmarktinstrumenten wie Overnight-Index-Swaps hat sich die Erwartung an die EZB für Juni von aggressiven Zinserhöhungen zu einem Stillhalten gewandelt, wobei die Wahrscheinlichkeit für eine unveränderte Politik auf 57 % gestiegen ist. In Bezug auf den britischen Markt stellte Kallum Pickering, Chefökonom von Peel Hunt, fest, dass die Verluste der Regierungspartei bei den Kommunalwahlen bereits in den Vermögenspreisen eingepreist sind. Die Erklärung des britischen Premierministers Starmer, im Amt zu bleiben, beruhigte die kurzfristige politische Risikoprämie, was dazu führte, dass britische Staatsanleihen in der Nachfrage nach sicheren Anlagen besser abschnitten als andere wichtige europäische Vermögenswerte. Sollten die Energiepreise in der Folge nicht substanziell zurückgehen, werden die Reaktionsfunktionen der europäischen Zentralbanken bei der Balance zwischen Inflationspersistenz und wirtschaftlicher Dynamik auf eine längere Probe gestellt.