US-Aktien hielten sich trotz steigender Renditen langfristiger Staatsanleihen stabil. Der S&P 500 schloss am Freitag knapp unter seinem jüngsten Rekord. Dave Sekera, US-Marktstratege bei Morningstar, sieht die Investitionen in künstliche Intelligenz weiterhin als wichtigen Impuls für die Börsen. In dieser Woche richten Anleger den Blick auf Inflationsdaten und die Ergebnisse großer Banken. Sie könnten Aufschluss darüber geben, wie sich das hohe Zinsniveau auf Märkte und Unternehmen auswirkt.
S&P 500 nahe Rekord, aber die Rally bleibt schmal
Der Leitindex beendete den Freitag nur knapp unter dem Rekordstand vom Dienstag. Die Sorge vor einer schwächeren Konjunktur hält sich trotz der höheren Zinsen bislang in Grenzen. Zugleich zieht der Ausbau der KI-Infrastruktur weiter Kapital an: Unternehmen erweitern ihre Rechenkapazitäten, um erwartete Nachfrage bedienen zu können und im Investitionswettlauf nicht zurückzufallen.
Die Marktbreite bleibt allerdings begrenzt. Kennzahlen wie der Anteil der S&P-500-Mitglieder über ihren 50- und 200-Tage-Durchschnitten, die Advance-Decline-Linie sowie die Zahl der Aktien auf neuen Hochs oder Tiefs verbesserten sich in der vergangenen Woche. Sie lagen aber weiterhin unter dem Niveau von vor einem Monat. Sekera zufolge wird die Entwicklung dieser Indikatoren während der Berichtssaison zeigen, ob sich die Rally verbreitert und wie sich der Markt bis zum Jahresende entwickeln könnte.
Rendite zehnjähriger US-Anleihen bei 5,36 Prozent
US-Staatsanleihen gerieten zu Beginn der vergangenen Woche unter Druck. Die Rendite zehnjähriger Treasuries stieg am Mittwoch auf 5,36 Prozent. Bei einer anschließenden Auktion zehnjähriger Anleihen fiel die Nachfrage stärker aus als erwartet und lockte Käufer zurück an den Markt. Bis Freitag sank die Rendite auf 5,24 Prozent; am Montag lag sie bei rund 5,25 Prozent.
Die wieder gestiegene Nachfrage biete kurzfristig Unterstützung, reiche aber nicht aus, um eine Trendwende zu bestätigen, sagte Sekera. Sollte die Rendite von etwa 5,25 Prozent aus wieder nachhaltig steigen, könnte die Marke von 5,5 Prozent in den Blick rücken.
Auch in Europa bleiben die langfristigen Renditen hoch. Die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen lag zum Wochenschluss am Freitag bei 3,5 Prozent. Italien kam auf 4,59 Prozent, Spanien auf 4,1 Prozent und Frankreich auf 4,86 Prozent. Der Renditeabstand zwischen Frankreich und Deutschland betrug rund 140 Basispunkte und war damit größer als die entsprechenden Spreads Italiens und Spaniens. Moody's will Frankreich noch in diesem Monat im Rahmen seiner jährlichen Überprüfung bewerten. Eine Herabstufung um eine Stufe sei nicht auszuschließen, sagte Sekera. Den Spread verglich er mit Kreditaufschlägen für schwächere Anleihen im oberen BBB- oder unteren A-Bereich.
In Japan lagen die langfristigen Renditen knapp über 3 Prozent. Damit waren sie rund zehn Basispunkte niedriger als die jüngsten Höchststände, bewegten sich für das Land aber weiterhin auf historisch hohem Niveau. Öl wurde zuletzt zwischen dem oberen 80-Dollar- und dem unteren 90-Dollar-Bereich je Barrel gehandelt. Vor dem Hintergrund der Entwicklungen im Nahen Osten stieg der Preis am Montag auf rund 93 Dollar.
US-Inflationsdaten könnten den Fed-Kurs beeinflussen
In dieser Woche stehen in den USA Verbraucherpreise (CPI) und Erzeugerpreise (PPI) an. Für den Verbraucherpreisindex wird ein Anstieg der Gesamtpreise um 0,6 Prozent gegenüber dem Vormonat erwartet, nach 0,4 Prozent zuvor. Auf Jahressicht könnte die Teuerung von 3,4 auf 3,6 Prozent steigen. Bei der Kerninflation, ohne Energie und Lebensmittel, rechnen Prognosen mit einem langsameren monatlichen Anstieg von 0,2 Prozent nach 0,3 Prozent. Die Jahresrate dürfte dagegen leicht von 2,4 auf 2,5 Prozent zulegen.
Die Gesamtpreise auf Erzeugerebene sollen den Erwartungen zufolge um 0,5 Prozent zum Vormonat steigen, nach zuvor 0,4 Prozent. Für den Kern-PPI wird ein Plus von 0,3 Prozent erwartet, verglichen mit 0,2 Prozent im Vormonat. Sekera betrachtet den PPI als Frühindikator für den CPI. Die Prognosen deuteten auf einen moderaten weiteren Anstieg der Inflation hin.
Die Daten könnten die Entscheidungen der US-Notenbank bei ihren Sitzungen im Oktober und Dezember beeinflussen. Die nächste Zinssitzung ist für den 27. und 28. Oktober angesetzt, die darauf folgende für den 8. und 9. Dezember. Im November ist keine geldpolitische Sitzung geplant.
Bankberichte rücken Kreditausfälle und Rückstellungen in den Fokus
Zu den berichtenden Instituten zählen JPMorgan Chase, Bank of America, Wells Fargo, Citigroup, US Bancorp und Bank of New York Mellon. Sekera erwartet, dass die Banken ihre üblichen kurzfristigen Prognosen erreichen oder übertreffen. Anleger sollten besonders auf Aussagen der Unternehmensleitungen zu Abschreibungen, Rückstellungen für Kreditausfälle und zur Qualität der privaten und gewerblichen Kreditportfolios achten.
Ebenfalls im Blick hat Sekera, wie sich die höheren Zinsen auf bis zur Endfälligkeit gehaltene Vermögenswerte der Banken auswirken. Eine deutliche Verschlechterung der Kreditbedingungen erwartet er derzeit nicht. Zum Vergleich verwies er auf die Zeit vor dem Zusammenbruch der Silicon Valley Bank: Damals war der Leitzins der Federal Reserve kumuliert um 450 Basispunkte gestiegen, die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen um 250 Basispunkte. Die bisherigen Anstiege hätten laut Sekera nicht dasselbe Ausmaß erreicht.
Auch Goldman Sachs und Morgan Stanley legen Zahlen vor. Sekera rechnet damit, dass Investmentbanking und Handel gut gelaufen sind. Ein hohes verwaltetes Vermögen könnte zudem die Gebührenerträge stützen. Besonders interessiert ihn, was die Unternehmensleitungen zum Zeitplan des geplanten Börsengangs von Anthropic nach Thanksgiving sowie zu weiteren Unternehmen mit Listing-Plänen sagen. Das IPO-Fenster ist wieder geöffnet, doch nicht alle geplanten Börsengänge waren erfolgreich. Das unterstreicht, wie genau Anleger die Qualität der Angebote prüfen.
ASML-Zahlen geben Hinweise auf die Nachfrage nach Chipausrüstung
ASML, ein Hersteller von Anlagen für die Halbleiterproduktion, veröffentlicht seine Ergebnisse. Bestellungen und Geschäftsentwicklung des Unternehmens können Hinweise auf Ausbaupläne für Chipfabriken und die Nachfrage in der Halbleiterbranche liefern.
Sekera zufolge wurden die Markterwartungen zuletzt gesenkt. Die ASML-Aktie fiel von ihrem Höchststand im Juni in den von Morningstar mit drei Sternen bewerteten Bereich. Ob das Unternehmen die Erwartungen erfüllt, könnte die kurzfristige Kursentwicklung beeinflussen. Falls sich die Geschäftslage gegenüber Morningstars aktuellem Bewertungsmodell nicht wesentlich verändert hat, müsse die langfristige Einschätzung des fairen Werts möglicherweise nicht angepasst werden. Die Zahlen könnten außerdem die Einschätzung anderer Halbleiterunternehmen beeinflussen.
Morningstar hebt fairen Wert für Marvell auf 360 Dollar an
Die Aktie des Chipdesigners Marvell legte nach dem Investorentag zu. Sekera zufolge lieferte die Veranstaltung neue Informationen, die Morningstar zu einer Aktualisierung seines Bewertungsmodells veranlassten. Die Schätzung des fairen Werts stieg daraufhin auf 360 Dollar je Aktie.
Das vorliegende Material enthält keine Einzelheiten zu den Änderungen im Bewertungsmodell und nennt auch nicht die fünf Aktien, die als mögliche Kandidaten für steuerlich motivierte Verlustrealisierungen erwähnt wurden.