Evernorth will am 12. Oktober unter dem Börsenkürzel „XRPN“ an der Nasdaq gelistet werden. Der auf digitale Vermögenswerte spezialisierte Treasury-Anbieter bringt rund 473 Millionen XRP in die Bilanz eines börsennotierten Unternehmens ein. Die Fusion mit Armada Acquisition Corp. II wurde am 9. Oktober abgeschlossen; vor Transaktionskosten erhielt Evernorth nach eigenen Angaben rund 300 Millionen US-Dollar in bar. Zu den Investoren zählen Ripple, SBI Group, Pantera Capital, Kraken und GSR.
Die Transaktion ist nicht nur wegen der Größe des XRP-Bestands relevant. Evernorth will den Zugang zum Kapitalmarkt nutzen, um Finanzanwendungen auf dem XRP Ledger zu finanzieren. Die Verbindung zu Ripple könnte allerdings dazu führen, dass Evernorth XRP bilanziell anders behandelt als andere Unternehmen mit Krypto-Treasury – insbesondere, wenn der Marktpreis steigt.
Evernorth will XRP im Ökosystem einsetzen
Anders als Treasury-Unternehmen, die digitale Vermögenswerte vor allem halten und auf Kurssteigerungen setzen, plant Evernorth Investitionen im XRP-Ökosystem. CEO Asheesh Birla sagte, das Unternehmen wolle Infrastruktur unterstützen, sich an Finanzanwendungen beteiligen und Strategien verfolgen, die den XRP-Bestand je Aktie erhöhen.
Geplant sind unter anderem Renditemöglichkeiten für institutionelle Nutzer, Anwendungen im Bereich dezentraler Finanzen, Beteiligungen an Projekten im Ökosystem und Aktivitäten am Kapitalmarkt. Die Bestände sollen also Erträge erwirtschaften und nicht allein von der Entwicklung des XRP-Kurses abhängen.
In einem Aktionärsbrief vom 9. Oktober schrieb Birla, dass sich die Finanzmärkte schrittweise auf Blockchain-Infrastruktur verlagern könnten, die nicht an die Geschäftszeiten traditioneller Banken und Börsen gebunden ist. Die Tokenisierung könne verändern, wie Wertpapiere, Kredite und andere Finanzanlagen gehandelt, abgewickelt und als Sicherheiten eingesetzt werden. Tokenisierte Vermögenswerte könnten Zinszahlungen, Kreditvereinbarungen und Übertragungsbedingungen abbilden und so Verzögerungen durch traditionelle Finanzintermediäre verringern.
Für die kommerzielle Nutzung solcher Anwendungen sei ausreichende Liquidität entscheidend, betonte Birla. Auch wenn tokenisierte Vermögenswerte rund um die Uhr gehandelt werden können, könnten Anleger ohne genügend Kapital und Marktteilnehmer Schwierigkeiten haben, Positionen aufzubauen oder wieder aufzulösen. Evernorth will deshalb Kapital auf dem XRP Ledger einsetzen, Liquidität bereitstellen und mit Entwicklern an Finanzinfrastruktur für institutionelle Nutzer arbeiten.
Sollten sich diese Anwendungen weiterentwickeln, könnte XRP im Ökosystem über den Zahlungsverkehr hinaus auch bei tokenisierten Wertpapieren, Kreditvergabe und Sicherheitenverwaltung eine Rolle spielen. Ob daraus eine anhaltende Nachfrage nach XRP entsteht, hängt davon ab, wie Evernorth sein Kapital einsetzt und ob die Anwendungen tatsächlich XRP benötigen – oder auch mit anderen digitalen Vermögenswerten funktionieren.
Für Aktionäre muss Evernorth zwei Ziele belegen: Der XRP-Bestand soll wachsen, und die Treasury-Aktivitäten sollen nennenswerte Erträge erwirtschaften. Für die Bewertung zählen daher neben dem XRP-Kurs auch die XRP-Menge je Aktie und die Rendite der aktiv verwalteten Vermögenswerte.
Ripple-Verbindung verhindert wohl Fair-Value-Bilanzierung
Die Beziehung zu Ripple führt zu einer besonderen Bilanzierungsfrage. Nach dem Zusammenschluss teilte Evernorth mit, dass der XRP-Bestand weiterhin zu historischen Anschaffungskosten abzüglich kumulierter Wertminderungen angesetzt wird. Eine Bewertung zum beizulegenden Zeitwert, die für viele Unternehmen mit Krypto-Beständen möglich ist, kommt demnach nicht infrage.
Die 2023 vom Financial Accounting Standards Board eingeführten Regeln sehen für qualifizierte Krypto-Vermögenswerte eine Bewertung zum Marktwert vor. Nicht realisierte Gewinne und Verluste fließen dabei unmittelbar in das Ergebnis der jeweiligen Berichtsperiode ein. Ausgenommen sind jedoch bestimmte digitale Vermögenswerte, die vom berichtenden Unternehmen oder einer ihm nahestehenden Partei geschaffen oder ausgegeben wurden.
Nach der Fusion gehört Evernorth nicht mehr vollständig zu Ripple und ist auch nicht mehr in Ripples Konzernabschluss einbezogen. Das Management stuft beide Unternehmen dennoch weiterhin als nahestehende Parteien ein. Evernorth geht deshalb davon aus, dass seine XRP-Bestände nicht für die neue Fair-Value-Bilanzierung infrage kommen und weiterhin zu Anschaffungskosten abzüglich Wertminderungen ausgewiesen werden müssen.
Diese Methode kann dazu führen, dass Bilanz und Marktwert auseinanderlaufen. Fällt der XRP-Kurs deutlich, könnte Evernorth eine Wertminderung verbuchen und den Buchwert des Bestands senken müssen. Erholt sich der Kurs später, lässt sich eine zuvor erfasste Wertminderung nach diesem Verfahren in der Regel nicht automatisch zurücknehmen. Entsprechend würde die Erholung auch keinen nicht realisierten Gewinn in der Bilanz auslösen.
Würde etwa eine XRP-Position im Wert von 100 Millionen US-Dollar auf 70 Millionen US-Dollar abgeschrieben, stiege ihr Bilanzwert nicht automatisch wieder auf 150 Millionen US-Dollar, wenn der Marktwert später dieses Niveau erreicht. Auch ein nicht realisierter Gewinn von 80 Millionen US-Dollar würde nicht ausgewiesen. Der Marktwert von Evernorth könnte daher deutlich über dem in der Bilanz ausgewiesenen Wert seiner Vermögenswerte liegen.
Fusionsunterlagen zeigen mögliche Wertminderung
Die Unterlagen zur Fusion veranschaulichen bereits die mögliche Wirkung dieser Bilanzierung. Evernorths Management zufolge lag der niedrigste auf Coinbase beobachtete XRP-Kurs zwischen dem 1. Juli und dem Abschluss der Fusion am 9. Oktober bei 0,99 US-Dollar. Auf dieser Grundlage hätte das Unternehmen nach dem 30. Juni möglicherweise eine zusätzliche Wertminderung von 6,9 Millionen US-Dollar erfassen müssen. Aus den Unterlagen geht jedoch nicht hervor, ob dieser Betrag letztlich in den Jahresabschluss aufgenommen wurde.
Die Bewertung zu historischen Kosten hindert Evernorth nicht daran, wirtschaftlich von steigenden XRP-Kursen zu profitieren. Das Unternehmen kann Gewinne durch Verkäufe realisieren oder mit seinen Anlagestrategien Erträge erzielen. Im Vergleich zu Treasury-Unternehmen, die Krypto-Bestände zum beizulegenden Zeitwert bilanzieren können, dürften Evernorths ausgewiesener Gewinn und Buchwert jedoch schwerer direkt mit den Marktpreisen vergleichbar sein.
Die Bilanzierung ist auch für das Ziel relevant, die XRP-Menge je Aktie zu erhöhen. Tokenbestand, XRP-Marktpreis, ausgewiesener Bilanzwert und verbuchte Anlageerträge können sich im selben Zeitraum unterschiedlich entwickeln. Anleger müssen daher unterscheiden, welche Renditen aus dem Treasury-Management stammen und welche auf Kursbewegungen bei XRP zurückgehen, statt sich auf eine einzelne Gewinn- oder Buchwertkennzahl zu verlassen.
Der erste Jahresabschluss nach Abschluss der Fusion wird zeigen, wie das Modell in der Praxis wirkt. Er soll Auskunft darüber geben, welche Erträge Evernorths Treasury-Aktivitäten erzielt haben und wie sich XRP-Kursbewegungen auf Wertminderungen auswirkten. Dass Kurserholungen nach den geltenden Regeln nicht als nicht realisierte Gewinne erfasst werden könnten, bleibt ein zentraler Punkt bei der Beurteilung von Wachstum und Finanzlage des Unternehmens.