Die jüngste Zinserhöhung der US-Notenbank verschärft den Kostendruck für kleine Unternehmen in den USA. Zahlungsdienstleister und Fintechs erwarten, dass höhere Kreditkosten vor allem Firmen treffen, die ihren laufenden Betrieb über Fremdkapital finanzieren. Auch Käufe von Ausrüstung, Technologie-Upgrades und Expansionspläne könnten sich verzögern. Sollte 2026 eine weitere Zinserhöhung folgen, könnten sich die Auswirkungen stärker auf Lagerbestände, Lieferketten und Beschäftigung ausweiten.
Santhosh Srinivasan, Niums Vizepräsident für Treasury in den USA, rechnet nicht mit einer kurzfristigen Entlastung. Kleine Unternehmen könnten über einen längeren Zeitraum mit höheren Kosten konfrontiert sein. Je länger das Zinsniveau hoch bleibe, desto deutlicher dürfte der Druck auf den operativen Geschäftsbetrieb werden.
Kleine Unternehmen stehen bereits unter Kostendruck
Ben Johnson, Chief Operating Officer von Kapitus, erklärte, kleine Unternehmen hätten schon vor der jüngsten Zinserhöhung mit hoher Inflation, handelspolitischen Spannungen mit Kanada, einem schwächeren Beschäftigungswachstum sowie höheren Öl- und Gaspreisen im Zusammenhang mit dem Krieg im Iran zu kämpfen gehabt. Die jüngste Zinserhöhung und die Markterwartung einer weiteren Anhebung bis Ende 2026 verteuern die Finanzierung zusätzlich – nach mehreren Jahren mit Preissteigerungen und Unsicherheit in den Lieferketten.
Für sich genommen dürfte die jüngste Zinsbewegung kleinere Unternehmen zunächst weniger direkt treffen als Kraftstoff- und Zollkosten. Sollten die Zinsen jedoch bis 2027 weiter steigen, werde der Druck auf die laufenden Kosten deutlich größer, sagte Johnson.
Daten des Joint Economic Committee des US-Kongresses zeigen, dass Unternehmen mit weniger als zehn Beschäftigten im Jahr 2025 insgesamt 292.000 Stellen abbauten. Der Rückgang war damit etwa 4,5-mal so groß wie der Abbau im Jahr 2020. Bis April 2026 verzeichneten diese Unternehmen bereits 13 Monate in Folge einen Beschäftigungsrückgang. Im gleichen Zeitraum sanken die Umsätze von Bauunternehmen mit weniger als zehn Beschäftigten um 10 Prozent. Bei ähnlich kleinen Unternehmen aus dem Freizeit- und Gastgewerbe betrug der Rückgang 15,2 Prozent.
Lagerfinanzierung und Expansion geraten unter Druck
Besonders zinssensibel sind Unternehmen, die Kredite zur Finanzierung ihrer laufenden Ausgaben aufnehmen. Hersteller, Großhändler und Einzelhändler nutzen laut Johnson häufig Finanzierungsmodelle wie Factoring, um Lagerbestände und Rohmaterialien zu kaufen. Landwirte nehmen vor der Verkaufssaison Kredite für Saatgut, Dünger und Ausrüstung auf. Bau- und andere Auftragnehmer benötigen Finanzierung, um Projekte zu starten, Mitarbeiter einzustellen und Material zu beschaffen. Steigende Zinsen erhöhen die Finanzierungskosten in all diesen Fällen.
Unternehmen, die Ausrüstung kaufen, Immobilien erwerben oder einen Wettbewerber übernehmen wollen, könnten ihre Zeitpläne ebenfalls überprüfen. Srinivasan zufolge könnten höhere Kapitalkosten Firmen dazu zwingen, liquide Mittel für die Zahlungsfähigkeit innerhalb der Lieferkette zurückzuhalten. Gelder, die ursprünglich für Technologieinvestitionen vorgesehen waren, könnten dadurch später eingesetzt oder umgewidmet werden.
Johnson bezeichnete dies als Opportunitätskosten. Unternehmen seien möglicherweise nicht grundsätzlich von Investitionen ausgeschlossen, könnten sich bei unsicherer Nachfrage aber zurückhaltender zeigen, Kapital zu binden und neue Projekte zu starten. Für auf Zahlungsverkehr spezialisierte Fintechs könnte die Nachfrage nach Händlerfinanzierungen bestehen bleiben. Sowohl Kreditnehmer als auch Finanzierungsplattformen müssen sich jedoch mit höheren Refinanzierungskosten auseinandersetzen.
Nium erprobt Stablecoin-Finanzierung nach aktuellem Bedarf
Nium bietet ein auf Stablecoins basierendes Finanzierungsmodell an, das die Bereitstellung von Kapital an den tatsächlichen Lagerbedarf eines Unternehmens koppelt. Lieferanten werden dabei bezahlt, wenn Lagerbestände tatsächlich aufgefüllt werden müssen. Dadurch sollen zusätzliche Kosten durch die Lagerhaltung und Verzögerungen in der Lieferkette reduziert werden.
Srinivasan zufolge will Nium nicht den gesamten Finanzierungsbedarf eines Kunden auf einmal abdecken. Zunächst sollen rund 50 Prozent in Fiatwährung finanziert werden. Anschließend will das Unternehmen den verbleibenden Betrag abhängig von den verfügbaren Zahlungswegen des jeweiligen Kunden überwachen und arrangieren. Ziel ist es, die Finanzierung enger am tatsächlichen Bedarf für Lagerbestände auszurichten.
Johnson riet kleinen Unternehmen, ihre operativen Margen genau zu beobachten und neue Projekte nicht vorschnell zu beginnen. Zunächst müsse geklärt werden, ob die Marktnachfrage den erforderlichen Zeit- und Kapitaleinsatz rechtfertige. Unternehmen sollten außerdem die Zahlungsfähigkeit der Verbraucher einschätzen, da die Ausgaben der privaten Haushalte in einem inflationären Umfeld unter Druck stehen. In einigen Fällen könnten eine Anpassung des Produktangebots, günstigere oder klarer positionierte Produkte sowie eine frühzeitige Finanzierung erforderlich sein, um auf eine schwächere Nachfrage zu reagieren oder Projekte mit besser kalkulierbaren Erträgen umzusetzen.
Auch Block und PayPal müssen mehr für Finanzierung zahlen
Nium und Kapitus sind nicht die einzigen Anbieter von Finanzierungen für kleine Unternehmen. Auch PayPal, Block und American Express sind in diesem Markt aktiv und haben zuletzt in künstliche Intelligenz für Dienstleistungen für kleine Unternehmen investiert. Diese KI-Initiativen wurden jedoch nicht als direkte Reaktion auf Zölle oder höhere Zinsen eingeführt.
American Express hat in diesem Monat mehrere Produkte für das Firmenkundengeschäft gestartet. Als bedeutender Kreditgeber für kleine Unternehmen betont das Unternehmen seit Längerem, dass seine Strategie in diesem Bereich nicht übermäßig von kurzfristigen konjunkturellen Bedingungen abhängt.
Eric Grover, Leiter von Intrepid Ventures, erwartet, dass die kurzfristige Gesamtnachfrage nach Unternehmenskrediten bei steigenden Finanzierungskosten zurückgehen könnte. Gerät der laufende Geschäftsbetrieb von Händlern unter Druck und werden klassische Bankkredite teurer, könnte sich ein Teil der Nachfrage zu Block und PayPal verlagern. Beide Plattformen können die tägliche Geschäftsentwicklung von Händlern direkter beobachten und Zahlungen über Kartentransaktionen einziehen.
Grover betonte zugleich, dass auch Block und PayPal in einem Hochzinsumfeld höhere Refinanzierungskosten tragen müssen. Das begrenzt den Spielraum der Plattformen für den Ausbau ihrer Finanzierungsgeschäfte, selbst wenn bei Händlern weiterhin Bedarf erkennbar ist.