Der US-Notenbankgouverneur Christopher Waller erwartet, dass künstliche Intelligenz die Abwicklung grenzüberschreitender Zahlungen verändern könnte. KI-Agenten könnten künftig Kleinbetragszahlungen zwischen Verbrauchern, Unternehmen und sogar Maschinen auslösen. Für Zahlungsdienstleister verspricht der Einsatz geringere Verarbeitungskosten und eine präzisere Transaktionsprüfung. Gleichzeitig stellen sich neue Fragen bei Identitätsprüfung, Haftung und Cybersicherheit. Bestehende Regeln könnten deshalb angepasst werden müssen.
Waller äußerte sich am Dienstagnachmittag auf der Zahlungskonferenz Sibos 2026 in Miami. Veranstalter ist die Society for Worldwide Interbank Financial Telecommunication (SWIFT). Als einer der für den Zahlungsverkehr zuständigen Vertreter der Federal Reserve verwies Waller insbesondere auf die Fortschritte großer Sprachmodelle und deren Fähigkeit, eigenständig Aufgaben auszuführen. Diese Entwicklung erfordere neben aktualisierten Vorgaben auch eine Überprüfung der operativen Standards.
KI soll Fehlalarme bei der Zahlungsprüfung verringern
Nach Einschätzung Wallers können große Sprachmodelle Kontext besser auswerten und damit die Prüfung von Sanktionen sowie Systeme zur Bekämpfung von Geldwäsche verbessern. Zahlungsdienstleister könnten verdächtige Transaktionen möglicherweise wirksamer erkennen und zugleich die Zahl rechtmäßiger Zahlungen reduzieren, die irrtümlich blockiert werden.
Waller verwies auf Forschungsergebnisse, nach denen KI die Zahl der Fehlalarme bei der Überwachung verdächtiger Aktivitäten deutlich senken kann. Finanzinstitute könnten dadurch mehr Ressourcen auf komplexe und risikoreichere Fälle konzentrieren. Rechtmäßige Transaktionen würden mit weniger Unterbrechungen verarbeitet. Gerade im grenzüberschreitenden Zahlungsverkehr beeinflusst die Genauigkeit der Prüfungen sowohl die Abwicklungsgeschwindigkeit als auch den Einsatz von Compliance-Ressourcen.
Ein weiteres mögliches Einsatzfeld ist die Wahl des Zahlungswegs. Bei grenzüberschreitenden Transaktionen müssen Kosten, Geschwindigkeit und Zuverlässigkeit gegeneinander abgewogen werden. Hinzu kommen Währungsumrechnung und Liquiditätsmanagement. KI-Agenten, die mit geeigneten Daten und klaren Entscheidungskriterien arbeiten, könnten solche Optimierungsaufgaben nach Wallers Worten effizienter bearbeiten.
KI-Agenten verändern die Prüfung von Zahlungsberechtigungen
Waller nannte mehrere mögliche Formen agentengesteuerter Zahlungen: von Verbrauchern ausgelöste Einzelhandelszahlungen, Zahlungen eines Agenten im Auftrag und mit Zustimmung des Verbrauchers sowie Überweisungen zwischen Unternehmen. Wenn KI-Systeme auf Online-Datenbanken zugreifen, könnten sie außerdem Kleinbetragszahlungen zwischen Maschinen auslösen.
Solche Anwendungen könnten die Produktivität steigern, verändern aber zugleich die zentrale Frage bei der Zahlungsprüfung. Herkömmliche Verfahren konzentrieren sich vor allem darauf, festzustellen, ob der Käufer zur Zahlung berechtigt ist. Bei Zahlungen durch einen KI-Agenten müssten Unternehmen zusätzlich klären, ob der Agent autorisiert wurde, welche Reichweite diese Autorisierung hat und wer nach Ausführung der Transaktion die Verantwortung trägt.
Neue Formen der Identitätsprüfung seien daher unverzichtbar, sagte Waller. Auch Betrugsrisiken und die Verteilung der Haftung müssten bereits bei der Gestaltung von Zahlungssystemen berücksichtigt werden. Waller sprach sich in seiner Rede nicht für eine bestimmte aufsichtsrechtliche Maßnahme aus. Stattdessen verwies er darauf, dass bestehende Regelwerke, etwa zur Haftung im elektronischen Handel, auf neue Anwendungsfälle angepasst werden könnten. Neue Ansätze könnten zudem erprobt und weiterentwickelt werden.
Cyberangriffe bleiben ein asymmetrisches Risiko
Nach Wallers Einschätzung kann KI sowohl die Zahl als auch die Raffinesse von Cyberangriffen erhöhen. Die Gefahr sei daher nicht nur theoretisch. Zahlungsdienstleister könnten KI zwar ebenfalls zur Abwehr von Angriffen einsetzen, doch die Ausgangslage sei ungleich: Ein Angreifer müsse möglicherweise nur eine kritische Schwachstelle finden. Betreiber von Zahlungssystemen und ihre Dienstleister müssten dagegen weitreichende Netzwerke, Systeme und Services schützen.
Diese Asymmetrie spreche für einen vorsichtigen Umgang mit dem KI-Einsatz, sagte Waller. Die Technologie müsse zugleich zur Stärkung der Sicherheit im Zahlungsverkehr eingesetzt werden. Einen konkreten regulatorischen Rahmen schlug er nicht vor. Er betonte jedoch, dass Innovationen im Zahlungsverkehr mit Sicherheit, Integrität und Stabilität ausbalanciert werden müssten. Diese Faktoren bilden die Grundlage des öffentlichen Vertrauens in das Zahlungssystem.
Wenn KI-Agenten künftig Aufgaben wie das Auslösen von Transaktionen und die Auswahl von Zahlungswegen übernehmen, müssen Finanzinstitute und Aufsichtsbehörden daher mehr als Effizienzfragen klären. Im Mittelpunkt stehen auch Autorisierungsprüfungen, Haftung, Betrugskontrollen und der Schutz der Systeme. Wallers Rede ließ offen, welche neuen Regeln konkret eingeführt werden könnten. Die Einzelheiten dürften damit Gegenstand weiterer Gespräche zwischen Branche und Regulierungsbehörden bleiben.