Tom Cruise tauscht in «Digger» waghalsige Action gegen Glatze, graue Haare und einen gepolsterten Körperbau: Er spielt einen texanischen Ölunternehmer, dessen Bohrungen einen gewaltigen Eisberg Richtung Europa treiben. Regie führte Alejandro G. Iñárritu, der auch am Drehbuch mitarbeitete. Die schwarze Komödie nimmt Ölindustrie, politische Entscheidungen und Krisenmanagement ins Visier. Mit ihrem schroffen Ton unterscheidet sie sich deutlich von Cruises jüngsten Actionfilmen – und dürfte das Publikum spalten.
Cruise als alternder Ölbaron
Cruise verkörpert Digg Rockwell, keinen gewandten, charismatischen Helden, sondern einen alternden und großspurigen Ölbaron. Aufwendige Prothesen und eine sorgfältig gestaltete Frisur verändern sein Erscheinungsbild. In einer Szene tritt er in Unterwäsche auf – eine Anspielung auf «Risky Business».
Rockwells Anwesen ist mit seltenen Tierpräparaten gefüllt. Besonders beschützerisch zeigt er sich jedoch gegenüber seiner gebrechlichen Hauskatze. Zudem hegt er Gefühle für seine Halbschwester, gespielt von Sandra Hüller. Sie ist Unternehmerin im Bereich erneuerbare Energien, hat im Film aber eine vergleichsweise kleine Rolle. Rockwells Hauptinteresse gilt dem Geld; die Folgen für die Umwelt beschäftigen ihn kaum.
Als Mitarbeiter ihm berichten, dass Ölbohrungen in Alaska einen Gletscher gespalten haben, stellt Rockwell sich zunächst ahnungslos. Dann spielt er den Vorfall herunter, verweist auf die von ihm geschaffenen Arbeitsplätze und schiebt die Verantwortung von sich. Doch die Krise lässt sich bald nicht mehr ignorieren: Ein Eisberg von der Größe eines kleinen Landes löst sich und treibt auf Nordeuropa zu. Innerhalb weniger Tage könnte er Tsunamis auslösen und große Städte überfluten.
Eisberg-Notfall als politische Satire
Der US-Präsident, gespielt von John Goodman, beruft auf Rockwells Anwesen eine Krisensitzung ein. Am Tisch diskutieren Männer in Anzügen und Militäruniformen; zugleich macht sich der Film über die Abwesenheit von Frauen lustig. Ein Wissenschaftler, gespielt von Riz Ahmed, versucht, das Ausmaß der Gefahr zu erklären. Am Ende beschließt die Runde, den Eisberg mit militärischer Gewalt umzulenken. Sollte das scheitern, erörtern die Teilnehmer, wie sich die öffentliche Wahrnehmung steuern ließe, um ein US-Unternehmen vor der Verantwortung für die Folgen der Katastrophe zu schützen. Der religiöse Berater des Präsidenten hält dagegen, Gott stehe auf ihrer Seite.
Die Handlung ist bewusst überzeichnet. Doch der gespaltene Gletscher, die Störung des Klimas und die Verantwortung von Unternehmen geben der Katastrophengeschichte mehr als nur eine absurde Note. Iñárritus Satire richtet sich auch gegen den Umgang mit wissenschaftlichen Warnungen, die Verantwortungsabwehr von Unternehmen und die Frage, wie die Öffentlichkeit eine Krise wahrnimmt.
Zwei größere Wendungen verändern den Blick auf die Geschichte zusätzlich; sie zu verraten, würde den Film vorwegnehmen. Ein längerer Trailer hatte zuvor bei manchen Zuschauern die Frage aufgeworfen, ob «Digger» musikalische Elemente enthalten könnte. Die tatsächliche Richtung des Films ist überraschender.
128 Minuten stilistisches Experiment
Iñárritu wurde für Filme wie «Birdman» und «The Revenant» mit Oscars ausgezeichnet. Cruise hat bislang keinen regulären Academy Award gewonnen, erhielt aber im Vorjahr bei den Governors Awards einen Ehrenoscar. Die eigenwillige Handlung und die unverblümte politische Kommentierung lassen «Digger» kaum wie einen klassischen Kandidaten für die Preisverleihung wirken. Der Film erscheint eher als stilistisches Experiment, das nicht allen gefallen will.
Mit 128 Minuten gibt «Digger» den überhöhten Darstellungen und pointierten Reden viel Raum. Das hat seinen Preis: Die wiederholten Wutausbrüche des Präsidenten in der zweiten Hälfte könnten auf manche Zuschauer ermüdend wirken. Zugleich gehören Cruises Bewegungen durch die Kulissen und seine donnernden Monologe über die Ölindustrie zu den prägenden Elementen des Films. Iñárritus unruhige Regie passt zum Umweltthema; die Darsteller tragen die Absurdität der Handlung mit entsprechend großem Einsatz.
Mit einem Darsteller, der vor allem für Independent-Filme bekannt ist, in der Hauptrolle würde das Publikum «Digger» möglicherweise schneller als gewagtes Arthouse-Projekt einordnen. Cruises Status als großer Hollywoodstar wirft stattdessen die Frage auf, warum er sich für diese ungewöhnliche Rolle entschieden hat. Der Kinostart in den USA und Großbritannien ist für den 2. Oktober geplant.