Staatsanleiherenditen steigen auf mehrjährige Spitzenwerte
In den vergangenen Wochen kam es zu umfassenden Verkäufen auf den weltweiten Märkten für Staatsanleihen. Die Renditen langfristiger Staatsanleihen in den USA, Japan, Großbritannien und Deutschland kletterten auf Niveaus, die seit Jahren nicht mehr erreicht wurden. So stieg die Rendite der 10-jährigen US-Treasury über 4,7 % – der höchste Stand seit November 2023. Die 10-jährige japanische Staatsanleihe überschritt erstmals seit 1996 die Marke von 3 %. Gleichzeitig erreichten die Renditen britischer Gilts und deutscher Bundesanleihen Werte, die zuletzt 2008 zu beobachten waren.
Strukturelle Veränderungen verstärken Inflationsdruck
Marktteilnehmer hinterfragen zunehmend, ob die Phase dauerhaft niedriger Inflation vorbei ist. Emma Moriarty, Portfoliomanagerin bei CG Asset Management, führt die steigenden Inflationserwartungen auf tiefgreifende strukturelle Veränderungen in der Weltwirtschaft zurück. Wichtige Einflussfaktoren sind der Rückzug aus der Globalisierung, zunehmender Protektionismus und erhöhte geopolitische Spannungen. Diese Entwicklungen haben zu höheren Zöllen, einer Rückverlagerung von Lieferketten und gestiegenen Verteidigungsausgaben geführt – allesamt Effekte, die langfristig preistreibend wirken dürften.
Haig Bathgate, CEO von Callanish Capital, betont die Herausforderungen, vor denen Zentralbanken stehen, wenn sich Inflation erst einmal festsetzt. Unter Bezug auf das schnelle und anhaltende Wachstum der öffentlichen Ausgaben warnt Bathgate davor, dass die Inflation beständiger sein könnte, als es die Märkte derzeit einschätzen.
Unterschiedliche Reaktionen der Zentralbanken
Die Zentralbanken agieren in einem komplexen Umfeld aus Inflationserwartungen und steigenden Haushaltsdefiziten. Die Bank of England und die US-Notenbank Fed sind offenbar bereit, zeitweise höhere Inflationsraten zu akzeptieren, um das fragile Wirtschaftswachstum zu stützen. Demgegenüber verfolgen die Europäische Zentralbank und die Bank of Japan entschlossenere Maßnahmen zur Normalisierung der Geldpolitik.
Nach der Rede von Fed-Chef Kevin Warsh beim Jackson Hole Symposium stiegen die Markt-Erwartungen für eine Zinserhöhung um 25 Basispunkte im September von 35 % auf über 66 %. Padhraic Garvey, Leiter der Amerika-Forschung und globalen Zinsstrategie bei ING, führt den Anstieg der Langfrist-Renditen in Europa und Asien maßgeblich auf die Spannungen im Nahen Osten und die gestiegenen Ölpreise zurück.
Anleger passen ihre Portfolios an
Die gestiegenen Renditen verändern die traditionellen Korrelationen zwischen Anleihen und Aktien und erschweren bisher bewährte Diversifikationsstrategien. John Stopford, Leiter Multi-Asset Income bei Ninety One, sieht zwar einen Rückgang der Absicherungsfunktion von Anleihen aufgrund höherer Volatilität, hält aber die verbesserten Renditen für ein Argument, Anleihen weiterhin im Portfolio zu halten.
Brian Mangwiro, Geschäftsführer von Global Fixed Income mit Sitz in Bahrain, empfiehlt Investoren, ihren Schwerpunkt auf kurzlaufende Anleihen zu legen, um von den Renditechancen zu profitieren und zugleich die Auswirkungen des US-Dollars auf Schwellenländer im Blick zu behalten.
Inflationsentwicklung und geldpolitischer Kurs bleiben entscheidend
Die aktuelle Volatilität auf den globalen Anleihemärkten spiegelt die anhaltende Unsicherheit über die Dauerhaftigkeit des Inflationsdrucks wider. Faktoren wie anhaltende Haushaltsdefizite, hohe Energiepreise und geopolitische Risiken befeuern die Inflationserwartungen weiterhin. Die Zentralbanken stehen vor einer anspruchsvollen Aufgabe, Wachstum zu fördern und gleichzeitig Inflation einzudämmen. Die zukünftige Ausgestaltung der Geldpolitik sowie makroökonomische Entwicklungen werden maßgeblich die Dynamik auf den Anleihemärkten bestimmen.