Auf Prognosemärkten lassen sich wechselnde Preise von Wahlkontrakten als leicht lesbare Einschätzung der Gewinnchancen interpretieren. Eine Ipsos-Umfrage unter Erwachsenen in den USA zeigt jedoch: Die Mehrheit lehnt Wetten auf Wahlausgänge ab. Für die Branche geht es damit nicht nur um die Treffsicherheit von Prognosen, sondern auch darum, wer handeln darf, welche Ereignisse Plattformen anbieten und ob Wettende Einfluss auf den Ausgang ihrer eigenen Wette nehmen könnten.
Ipsos befragte vom 30. September bis zum 5. Oktober 4.506 Erwachsene in den USA. 69 % der Demokraten und 61 % der Republikaner sprachen sich gegen Wetten auf Wahlen über Prognosemärkte aus. Auch Wetten auf militärische Einsätze und politische Entscheidungen der Regierung stießen auf Ablehnung. Die Umfrage erfasste die Zustimmung zu dieser Art von Wette. Sie untersuchte weder, ob die Befragten den Prognosen der Märkte vertrauen, noch, aus welchen Gründen sie Wetten ablehnen.
Diese Unterscheidung erschwert ein häufiges Argument für Prognosemärkte: Sie bündelten Informationen und verbesserten dadurch Vorhersagen. Jemand kann Wahlquoten informativ finden und dennoch dagegen sein, dass Personen mit Bezug zu einer Wahl oder ihrem Ergebnis daraus finanziellen Nutzen ziehen. Der Informationswert einer Prognose und die Frage, ob Wetten darauf erlaubt sein sollten, sind zwei verschiedene Themen.
Wie Wahlkontrakte Preise in Quoten übersetzen
Bei einem gängigen Wahlkontrakt wird für den richtigen Ausgang 1 US-Dollar ausgezahlt, für den falschen nichts. Kostet ein Kontrakt auf einen Kandidaten 60 Cent, kann ein Käufer 40 Cent gewinnen, wenn der Kandidat siegt, und 60 Cent verlieren, wenn er unterliegt. Der Preis wird üblicherweise als eine Siegchance von 60 % interpretiert.
Händler positionieren sich anhand ihrer eigenen Einschätzung. Wer die Chancen eines Kandidaten höher als der Markt bewertet, kann den Kontrakt kaufen. Wer von einer geringeren Wahrscheinlichkeit ausgeht, kann verkaufen oder eine Gegenposition eingehen. Mit fortlaufendem Handel spiegeln die Preise die Einschätzungen der Marktteilnehmer wider. Am Preis allein lässt sich jedoch nicht erkennen, welche Händler den größten Einfluss hatten. Ebenso wenig zeigt er, ob eine Einschätzung auf fundierter Analyse, politischer Präferenz oder Spekulation beruht.
Kalshi hat Schritte unternommen, um die Handelsaktivität sichtbarer zu machen. In einem Update zu Wahlmärkten vom 6. Oktober führte das Unternehmen Kennzeichnungen für Märkte mit geringem Volumen ein, rückte seinen Handelsfeed stärker in den Vordergrund und veröffentlichte Bewertungen, die Prognosen mit den tatsächlichen Ergebnissen vergleichen. Kalshi erklärte außerdem, die meisten Besucher beobachteten die Märkte, ohne selbst zu handeln. Die Vorstellung, dass eine vergleichsweise kleine Gruppe von Händlern Preise für ein viel größeres Publikum erzeugt, ist zentral für das Argument der Plattform, ihre Märkte lieferten nützliche Informationen.
Prognosekontrakte können auch zur Absicherung dienen. Ein Unternehmen, das durch eine politische Entscheidung Verluste erleiden könnte, kann einen Kontrakt kaufen, der bei einer für das Unternehmen nachteiligen Entscheidung auszahlt. Damit ließe sich ein Teil des Verlusts ausgleichen – vorausgesetzt, der Kontrakt bildet das tatsächliche Risiko passend ab. Die Gegenseite der Transaktion kann schlicht auf einen anderen Ausgang setzen, ohne selbst einem vergleichbaren Geschäftsrisiko ausgesetzt zu sein.
Wähler, die sich über Wahlquoten informieren, haben allerdings keinen Einfluss darauf, welche Ereignisse eine Plattform als Kontrakt anbietet. Kalshi entscheidet über das Angebot; anschließend können Händler auf den jeweiligen Ausgang setzen und machen das Ereignis so zu einem handelbaren Produkt. Die Marktpreise können zudem in die Berichterstattung und die öffentliche Diskussion über Wahlen einfließen. Plattformen nehmen damit eine Doppelrolle ein: Sie präsentieren sich als Informationsquelle und betreiben zugleich kommerzielle Märkte.
Kandidatenhandel wirft Fragen zu Interessenkonflikten auf
Kalshi erklärte, die Konten von vier Kongresskandidaten, die auf Wahlen mit ihrer eigenen Kandidatur gehandelt hatten, mit Geldbußen belegt und gesperrt zu haben. Kandidaten sind zugleich Beteiligte an einer Wahl und potenzielle Wettende auf deren Ausgang. Dadurch können politische Interessen und persönliche finanzielle Anreize aufeinandertreffen. Auch ohne Belege für vertrauliches Wissen oder einen Manipulationsversuch entsteht ein offensichtlicher Interessenkonflikt, wenn jemand an einer Wahl verdient, bei der er selbst kandidiert.
Die Fälle verweisen auf zwei unterschiedliche Risiken. Erstens könnte jemand mit Informationen handeln, die anderen Marktteilnehmern nicht zugänglich sind. Zweitens könnte ein Wettender seinen Einfluss nutzen, um den Ausgang eines Kontrakts zu verändern. Ein Wahlkampfmitarbeiter, der vorab erfährt, dass ein Kandidat am nächsten Tag zurücktritt, könnte beispielsweise vor der Bekanntgabe handeln. Der Preis würde den späteren Ausgang womöglich genauer abbilden, doch andere Händler könnten sich diese Information nicht durch übliche Recherche beschaffen. Könnte der Mitarbeiter zusätzlich den Zeitpunkt der Rücktrittsankündigung beeinflussen, ginge es nicht mehr nur um einen Informationsvorsprung, sondern auch um die Möglichkeit, das gehandelte Ereignis selbst zu beeinflussen.
Kalshi zufolge schließen die Regeln einschlägige politische Insider aus. Das Unternehmen prüft Konten und untersucht verdächtige Handelsaktivitäten. Zudem bietet die Plattform keine Kontrakte zu Krieg und Tod an und begrenzt damit die handelbaren Ereignisse. Wo solche Grenzen gezogen werden sollten, ist umstritten. Ein weitreichendes Verbot könnte den Handel auf Plattformen verlagern, die schwerer zu untersuchen sind und auf denen sich Teilnehmer weniger gut zur Verantwortung ziehen lassen. Das Argument, dass eingesetztes Kapital Prognosen verbessern kann, beantwortet jedoch nicht die Einwände dazu, wer handeln darf und ob politische Ergebnisse zu kommerziellen Produkten werden sollten.
Das Vertrauen in Wahlprognosen wird auch davon abhängen, ob Plattformen ihre Preisbildung und die bisherige Prognosegüte nachvollziehbar machen. Dazu gehören Einblicke in die Handelsaktivität, Vergleiche zwischen den damals verfügbaren Wahrscheinlichkeiten und den endgültigen Ergebnissen sowie Informationen darüber, wie Untersuchungen und Sanktionen gehandhabt werden. Ob Prognosemärkte als verlässliche Informationsquelle gelten, hängt nicht allein vom Wert ihrer Quoten ab, sondern auch davon, wie Plattformen mit Informationsvorsprüngen und Interessenkonflikten umgehen und welche Ereignisse sie zum Handel zulassen.