HSBC passt Brent-Preisprognosen wegen anhaltender Angebotsengpässe nach oben an
HSBC hat seine Prognose für den Brent-Rohölpreis im Jahr 2026 auf 90 US-Dollar pro Barrel angehoben – zuvor lag die Schätzung bei 80 US-Dollar. Für 2027 wurde der Ausblick von 65 auf 85 US-Dollar erhöht, während die langfristigen Preise ab 2028 nun bei 75 US-Dollar pro Barrel angesetzt werden. Diese Anpassungen spiegeln die anhaltende Verknappung des Ölangebots wider, die maßgeblich auf eingeschränkte Transporte durch die Straße von Hormus zurückzuführen ist.
Verkehre durch die Straße von Hormus stagnieren auf niedrigem Niveau
Seit dem Scheitern einer Einigung zwischen den USA und dem Iran im Juli bleiben die Öllieferungen durch die Straße von Hormus bei etwa 30 % des Niveaus vor dem Konflikt. HSBC beschreibt die Situation als "fortbestehenden eingeschränkten Zustand" statt einer vollständigen Blockade oder Erholung. Die geopolitische Lage bleibt fragil, weshalb eine nur langsame Zunahme der Durchgangsmenge erwartet wird, die jedoch deutlich unter den vormals täglichen 19 bis 20 Millionen Barrel liegt. Im Basisszenario prognostiziert HSBC, dass die Transporte bis Jahresende von derzeit rund 6 Millionen Barrel pro Tag auf 8 Millionen steigen und bis Mitte 2027 etwa 9,5 Millionen erreichen.
Regionale Pipelines lindern die Abhängigkeit von der Straße
Aufgrund der begrenzten Kapazitäten der Straße von Hormus haben saudische und emiratische Pipelines an Bedeutung gewonnen und ergänzen die Exporte zunehmend. Diese Umgehungsleitungen transportieren derzeit etwas mehr als 4 Millionen Barrel täglich und sollen bis Mitte 2027 auf 6,8 Millionen steigen. Gemeinsam mit den Schiffstransporten bringt dies die Gesamtexporte aus dem Golfgebiet auf knapp 16,5 Millionen Barrel pro Tag, was den Angebotsdruck etwas mildert, aber den Ausfall des ursprünglichen Durchgangsvolumens nicht vollständig kompensiert.
Verzögerte Marktbalance lässt Raffineriemargen hoch bleiben
HSBC rechnet damit, dass sich Angebot und Nachfrage global erst Mitte 2027 ausgleichen werden. Bis dahin dürften die Lagerbestände kontinuierlich schrumpfen. Die Raffineriemärkte bleiben angespannt, bedingt durch Exportkontrollen, geringe Vorräte sowie steigende Fracht- und Versicherungsprämien. Auch Probleme durch Russland und begrenzte Refining-Kapazitäten spielen eine Rolle. Daher wurden die Margenprognosen für Raffinerien zwischen 2026 und 2028 nach oben korrigiert.
Preisszenarien spiegeln geopolitische Unsicherheiten wider
HSBC skizziert zwei mögliche Entwicklungen: Sollte die Diplomatie scheitern und das Durchgangsvolumen in der Straße von Hormus niedrig bleiben, könnten die Lagerbestände auf kritische Tiefstände fallen und Brent-Preise bis auf 120 US-Dollar pro Barrel steigen. Danach könnte eine Preisrallye ab dem dritten Quartal 2027 mit nachlassender Nachfrage und steigendem Angebot von Nicht-OPEC-Ländern wieder abflachen. Alternativ könnte ein dauerhafter Waffenstillstand innerhalb des Jahres die Exporte wieder auf Vorkrisenniveau heben und bis Jahresende den Markt neu austarieren. In diesem Fall wäre 2027 mit einem Angebotsüberschuss von 3 Millionen Barrel pro Tag zu rechnen, der die Brent-Preise Anfang 2028 auf etwa 70 US-Dollar drücken könnte.
Diese gegensätzlichen Prognosen verdeutlichen die starke Abhängigkeit der Ölpreise von der Entwicklung im US-Iran-Konflikt. Marktbeteiligte beobachten daher aufmerksam die Aussichten für eine Erholung der Straße von Hormus, da sie eine Schlüsselrolle für die kurzfristige Versorgungssicherheit im Ölmarkt spielt.