24-Millionen-Dollar-Vorschlag bei Compound wirft Fragen zur DAO-Governance auf
Im Juli 2024 geriet die dezentrale Kreditplattform Compound unter starke Beobachtung, als ein Governance-Vorschlag zur Zuteilung von 499.000 COMP-Token im Wert von etwa 24 Millionen US-Dollar durch Stimmen von delegierten Token-Inhabern unerwartet schnell angenommen wurde. In den letzten 34 Minuten der Abstimmungsphase erhielt der Vorschlag 563.591 Stimmen und wurde letztlich mit 682.191 Ja-Stimmen gegen 633.636 Nein-Stimmen durchgesetzt. Technisch wurde die Umsetzung fehlerfrei bewältigt, doch das Fehlen eines Notfallmechanismus oder einer Aussetzung ermöglichte beinahe eine fragwürdige Mittelverlagerung. Dieser Fall unterstrich eine grundlegende Problematik bei DAOs zwischen der Automatisierung von Governance-Prozessen und notwendiger Risikoabsicherung. In Folge der Kontroverse einigten sich Compound und Stakeholder auf den Abbruch der Token-Ausgabe und führten ein Veto-Mechanismus ein, um künftige Risiken besser zu kontrollieren.
Analyse deutscher und niederländischer Institute zeigt Machtkonzentration in Ethereum-DAOs
Forschungen des Max-Planck-Instituts für Softwaresysteme sowie der Vrije Universiteit Amsterdam aus dem Jahr 2026 untersuchten die Governance-Strukturen von 48 großen Ethereum-basierten DAOs. Die Studien belegten eine starke Konzentration der Stimmrechte, hervorgerufen durch Mechanismen wie Wallet-Registrierungen, Token-Staking und Delegierung von Stimmen. Obwohl diese Maßnahmen Missbrauch verhindern sollen, verlagern sie häufig die Macht in die Hände weniger Akteure. Genau die Hälfte der untersuchten DAOs nutzt On-Chain-Abstimmungen, während der Rest Off-Chain-Methoden bevorzugt. Uniswap beispielsweise zeigte eine hohe Beteiligung an Off-Chain-Abstimmungen, doch die letztgültige Entscheidungsmacht lag bei wenigen Groß-Stimmberechtigten, die während der bezahlten On-Chain-Phasen aktiv waren.
Hürden bei der Wählerregistrierung und Staking reduzieren aktive Teilnehmerzahl
Von den 48 DAOs verlangten 36 eine Tokenhalter-Registrierung vor der Abstimmung, wobei sich im Durchschnitt nur 21 % registrierten. Viele Token blieben in Börsen oder DeFi-Verträgen blockiert, was zu einer beträchtlichen Verwahrung durch zentrale Instanzen führte, bei denen einzelne Börsenwallets Tausende Nutzer repräsentieren - damit werden Börsen zu einflussreichen politischen Akteuren. Zugleich setzten 15 DAOs Lock-up-Perioden für das Staking ein, womit im Durchschnitt 27,4 % der Token bis zu vier Jahre gebunden waren. Diese Anforderungen schränkten den Kreis aktiver Wähler erheblich ein und verstärkten die Konzentration der Macht.
Delegation verstärkt Bildung von dominanten Stimmblöcken
Aufgrund der Komplexität der Governance bevorzugten viele Token-Inhaber die Stimmrechtsdelegation an Fachvertreter, was zur Herausbildung stabiler und einflussreicher Koalitionen führte. Die Studien ergaben, dass in 39 DAOs die zehn größten Tokenhalter über 50 % der Stimmgewalt kontrollierten. Die Delegation war häufig noch stärker konzentriert als die direkte Stimmabgabe, womit die eigentliche Steuerung in wenigen Händen lag, die über Kapital, Zeit, technisches Know-how oder Kundengelder verfügen.
Strategische Nutzung legitimer Abstimmungsmechanismen als Governance-Angriffe
Als „Governance-Angriffe“ definierten die Untersuchungen Versuche, legitime Entscheidungsprozesse für eigennützige Vorteile zum Nachteil der Gesamtorganisation auszunutzen. Unter den 48 DAOs wurden 28 derartige Ereignisse dokumentiert, von denen 16 mit alternativen Mechanismen vermeidbar gewesen wären. Ein exemplarisches Beispiel ist der kontroverse Compound-Vorschlag 289: Innerhalb von nur vier Monaten hatten die beteiligten Wallets über 680.000 COMP gesammelt – durch Nutzung zentraler Börsen und Kreditaufnahme bei Compound – und damit ihre ursprünglichen Bestände bei Weitem übertroffen. Mit dieser kurzfristigen Machtkonzentration gelang der Vorschlag die Annahme zuletzt durch überraschende Abstimmungsmehrheiten. Maßnahmen wie Verzögerungen bei der Stimmabgabe, längere Staking-Perioden oder Notfallrechte für vertrauenswürdige Instanzen könnten solche Risiken minimieren.
Transparenz und Risikokontrollen in der DAO-Governance benötigen tiefere Betrachtung
Dezentralität in DAOs geht über die einfache Tokenverteilung hinaus und verlangt eine tiefergehende Analyse der tatsächlich genutzten Stimmkraft, der Kontrollinstanzen sowie des Einflusses von Mittelsmännern wie zentralen Börsen. Derzeit liegt der Fokus bei Smart-Contract-Prüfungen vor allem auf korrekter Codeausführung. Künftig muss das Governance-Review jedoch umfassender sein – mit Augenmerk auf Machtbalance und regulatorische Compliance. Denn selbst technisch perfekte Smart Contracts können die Stabilität und Integrität von DAOs nicht gewährleisten, wenn die Steuerung stark zentralisiert bleibt. Diese Machtballungen stellen eine bleibende Herausforderung für das Ökosystem dar.