Oracle meldet für das erste Quartal des Geschäftsjahres 2027 einen Umsatzanstieg von 30 Prozent auf 19,3 Mrd. Dollar. Gleichzeitig kletterten die verbleibenden Leistungsverpflichtungen auf 664 Mrd. Dollar. Für Anleger rückt damit neben der Größe des Auftragsbestands vor allem die Frage in den Mittelpunkt, wann daraus Umsatz, Gewinn und Cashflow entstehen.
Die Nachfrage nach Rechenkapazität für Anwendungen der künstlichen Intelligenz hat bereits Nvidia und Micron Technology kräftiges Wachstum beschert. Auch Oracle profitiert vom Ausbau der KI-Infrastruktur, die Aktie entwickelte sich jedoch nicht im gleichen Tempo. Zum Zeitpunkt der Analyse lag sie rund 52 Prozent unter dem Vorjahresniveau.
Die jüngsten Zahlen zeigen, dass sich Aufträge für KI-Infrastruktur zunehmend in ausgewiesenem Umsatz niederschlagen. Offen bleibt, wie schnell weitere Verträge umgesetzt werden, wann die Investitionen ihren Höhepunkt erreichen und ob die Gewinnentwicklung mit dem Umsatzwachstum Schritt halten kann.
Oracle erzielt Rekordumsatz im Quartal
Oracle veröffentlichte am 10. September die Ergebnisse für das erste Quartal des Geschäftsjahres 2027. Das Quartal endete am 31. August. Der Umsatz stieg im Jahresvergleich um 30 Prozent auf 19,3 Mrd. Dollar und erreichte damit einen Quartalsrekord. Der bereinigte Gewinn je Aktie erhöhte sich ebenfalls um 30 Prozent auf 1,92 Dollar und lag damit über der bisherigen Analystenschätzung von 1,75 Dollar.
Auch beim Umsatz übertraf Oracle die Markterwartung von 19,14 Mrd. Dollar. Die Zahlen deuten darauf hin, dass der Konzern einen Teil seiner angesammelten Verpflichtungen für Cloud-Infrastruktur in laufenden Umsatz umwandelt. In den vergangenen Jahren hat Oracle bestimmte Projekte über Modelle vorangetrieben, bei denen Kunden KI-Beschleuniger vorab bezahlen oder die benötigte Hardware selbst bereitstellen.
Solche Vereinbarungen können den Finanzierungsbedarf von Oracle bei einzelnen Verträgen senken. Zugleich wird das Tempo, mit dem der Auftragsbestand in Umsatz übergeht, zu einem wichtigen Maßstab für die Qualität des Gewinnwachstums.
Auf Basis der zum Analysezeitpunkt genannten Marktdaten lag die Marktkapitalisierung von Oracle bei rund 446 Mrd. Dollar. Die Aktie notierte bei 148,56 Dollar und gewann an diesem Tag 0,64 Prozent. Die Handelsspanne der vergangenen 52 Wochen reichte von 114,50 bis 329,50 Dollar. Damit lag der Kurs deutlich unter dem Hoch des Zeitraums. Die genannten Kurse beziehen sich auf einen bestimmten Zeitpunkt und sagen nichts über die weitere Entwicklung aus.
Verbleibende Leistungsverpflichtungen steigen auf 664 Mrd. Dollar
Die verbleibenden Leistungsverpflichtungen, auf Englisch Remaining Performance Obligations oder RPO, erfassen den Wert bereits unterzeichneter Verträge, deren Leistungen noch nicht erbracht wurden. Im jüngsten Quartal stieg der RPO-Bestand gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 209 Mrd. Dollar auf 664 Mrd. Dollar.
Oracle erwartet, in den kommenden drei Jahren 50 Prozent dieses Betrags als Umsatz zu verbuchen. Zuvor hatte das Unternehmen mit einem Anteil von 46 Prozent gerechnet. Bei einer Realisierung von 50 Prozent entspräche dies einem Umsatz von rund 332 Mrd. Dollar über drei Jahre oder durchschnittlich etwa 111 Mrd. Dollar pro Jahr. Im Geschäftsjahr 2026 erzielte Oracle einen Umsatz von 67,4 Mrd. Dollar.
Die Summe von 664 Mrd. Dollar bedeutet allerdings nicht, dass der gesamte Betrag kurzfristig als Umsatz ausgewiesen wird. Maßgeblich sind unter anderem die Einsatzpläne der Kunden, die Lieferung der Infrastruktur, die Vertragsbedingungen und die Umsetzung der damit verbundenen Dienstleistungen.
Oracle erklärte, dass sich die Umwandlung des RPO-Bestands im weiteren Verlauf des Geschäftsjahres 2027 beschleunigen sollte. Der Einfluss neu hinzugekommener Verpflichtungen auf Investitionen und Umsatz dürfte jedoch erst ab dem Geschäftsjahr 2028 oder später sichtbar werden.
Finanzvorständin Hilary Maxson sagte im Rahmen der Ergebnispräsentation, dass neu hinzugekommene RPO-Verpflichtungen vor dem Geschäftsjahr 2028 keinen Einfluss auf Investitionen oder Umsatz des Unternehmens haben würden. Ihre Aussage verdeutlicht den zeitlichen Abstand zwischen einem schnellen Anstieg der Auftragseingänge und der späteren Realisierung von Umsatz und Gewinn.
Jahresziele bleiben unverändert
Für das Geschäftsjahr 2027 erwartet Oracle weiterhin einen Umsatzanstieg von 34 Prozent auf 90 Mrd. Dollar. Der bereinigte Gewinn je Aktie soll um 18 Prozent auf 8,10 Dollar steigen. Da Umsatz und Gewinn im ersten Quartal die Erwartungen übertrafen, besteht Spielraum für eine bessere Entwicklung als in der Jahresprognose vorgesehen. Eine Anpassung der Ziele würde jedoch von der Umsetzung der Verträge und der Umsatzrealisierung in den kommenden Quartalen abhängen.
Das bereinigte operative Ergebnis auf Basis der vergangenen zwölf Monate stieg im ersten Quartal des Geschäftsjahres 2027 um 21 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Im Vorjahreszeitraum hatte das Wachstum noch 8 Prozent betragen. Damit verbesserte sich die operative Entwicklung parallel zur Beschleunigung des Umsatzwachstums.
Sollten die Investitionen nach dem derzeitigen Ausbau der Infrastruktur moderater ausfallen und gleichzeitig mehr RPO in Umsatz übergehen, könnte sich das Gewinnwachstum in den kommenden Geschäftsjahren verstärken. Marktprognosen zufolge könnte das Gewinnwachstum von Oracle im Geschäftsjahr 2028 doppelt so hoch ausfallen wie im Geschäftsjahr 2027. Für 2029 wird ein Wachstum von 43 Prozent erwartet.
Diese Schätzungen hängen unter anderem von der Vertragserfüllung, der Nachfrage nach Cloud-Infrastruktur und der Kostenkontrolle ab. Sie stellen keine garantierten Ergebnisse dar.
Bewertung hängt von der Gewinnrealisierung ab
Zum Zeitpunkt der Analyse wurde Oracle mit etwa dem 18-Fachen der erwarteten Gewinne bewertet. Damit lag das erwartete Kurs-Gewinn-Verhältnis unter dem des Nasdaq-100 von rund 24. Sollte sich das Gewinnwachstum beschleunigen, könnte der Markt die Bewertung des Konzerns neu einordnen.
Eine nachhaltige Neubewertung würde jedoch davon abhängen, ob Oracle den erwarteten Umsatz tatsächlich verbucht und den Gewinn je Aktie entsprechend steigert. Ein Rechenbeispiel unterstellt für das Geschäftsjahr 2029 einen Gewinn je Aktie von 15,77 Dollar und ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von 30. Daraus ergäbe sich ein Aktienkurs von rund 473 Dollar, mehr als das Dreifache des zum Analysezeitpunkt geltenden Kurses.
Dabei handelt es sich um eine Berechnung auf Basis von Gewinn- und Bewertungsannahmen, nicht um eine Unternehmensprognose. Sie bedeutet nicht, dass die Aktie dieses Kursniveau erreichen wird.
Für die weitere Einordnung sind daher vor allem vier Punkte relevant: das Tempo, mit dem Oracle den RPO-Bestand von 664 Mrd. Dollar umsetzt, die Beständigkeit von Vorauszahlungen und kundenseitig bereitgestellter Hardware, der Zeitpunkt des Höhepunkts bei den Investitionen sowie die Frage, wie stark das Umsatzwachstum in Cashflow und Gewinn übergeht. Die kommenden Quartalszahlen und Aussagen des Managements zur Vertragserfüllung werden dazu mehr zeigen als die Höhe des Auftragsbestands allein.