- Die Renditen von Staatsanleihen in der Eurozone sind stark gestiegen, beeinflusst durch die erneute Eskalation der geopolitischen Lage im Nahen Osten und die ins Stocken geratenen Friedensgespräche zwischen den USA und dem Iran. Händler erwarten nun, dass die Europäische Zentralbank (EZB) bis Ende des Jahres dreimal die Zinsen anheben wird, wobei die Wahrscheinlichkeit dafür über 50 % liegt.
- Die Neubewertung der Geldmärkte hinsichtlich der Straffungspolitik hat deutlich zugenommen. Derzeit wird erwartet, dass der Einlagensatz der EZB bis Dezember auf 2,66 % steigen wird. Dies bedeutet, dass nicht nur zwei Zinserhöhungen in diesem Jahr feststehen, sondern die Wahrscheinlichkeit einer dritten Erhöhung auf etwa 65 % gestiegen ist.
- Die Rendite der zweijährigen deutschen Staatsanleihen (DE2YT=RR), die sehr empfindlich auf kurzfristige Zinssätze reagiert, stieg am Mittwoch um 5 Basispunkte auf 2,67 %. Dies zeigt die zunehmende Besorgnis der Investoren über eine langfristige, energiegetriebene Inflation und den potenziellen Bedarf an erhöhten Staatsausgaben, was den Anleihemarkt unter Druck setzt.
Neubewertung der Einlagenzinspfad im Geldmarkt
Mit der Veröffentlichung der neuesten Swap-Markt-Daten ist die Renditekurve des Staatsanleihenmarktes der Eurozone insgesamt gestiegen. Händler haben das Ziel für den Einlagensatz im Dezember auf 2,66 % festgelegt, was eine deutliche marginale Veränderung im Vergleich zu den vorherigen, relativ moderaten Erwartungen darstellt. Die Marktbewertung zeigt, dass die Wahrscheinlichkeit einer ersten Zinserhöhung bei der geldpolitischen Sitzung am 11. Juni bei 90 % liegt. Laut einer aktuellen Umfrage von Reuters unter führenden Ökonomen wird erwartet, dass die EZB den Einlagensatz bei der bevorstehenden Sitzung auf 2,25 % anheben und im September möglicherweise weiter straffen wird. Angesichts des durch Energiekosten getriebenen sekundären Inflationsdrucks und der schwächeren wirtschaftlichen Fundamentaldaten innerhalb der Eurozone stehen die politischen Entscheidungsträger vor schwierigen Abwägungen. Sollte die Kerninflation weiterhin die Erwartungen übertreffen, könnte der Zinserhöhungszyklus länger dauern als bisher allgemein erwartet.
Geopolitische Eskalation blockiert Inflationsminderung
Der direkte Auslöser für den Anstieg der Anleiherenditen liegt in den heftigen geopolitischen Turbulenzen. Die Friedensgespräche zwischen den USA und dem Iran im Golfgebiet sind kürzlich ins Stocken geraten, und die zuvor erwartete optimistische Einigung und Wiedereröffnung der Straße von Hormus hat sich nicht erfüllt. Stattdessen verschlechterte sich die Lage im Golf am Mittwoch erheblich, als iranische Raketenangriffe den Flughafen von Kuwait beschädigten und das US-Militär gezielte Luftangriffe als Gegenmaßnahme in der Nähe der Straße von Hormus durchführte. Diese Konflikte haben die Erwartungen an sinkende Rohstoffkosten, insbesondere für Rohöl, zunichte gemacht, sodass der durch Energiepreise getriebene Inflationsdruck kurzfristig nicht wesentlich gemildert werden kann. Sollte die Schifffahrt in der Straße von Hormus weiterhin behindert werden, wird die Neubewertung der Lieferkettenkosten das zukünftige Kerninflationsniveau weiter anheben.
Erhöhtes Risiko durch steigende Staatsausgaben belastet Anleihemärkte
Infolgedessen wurden Staatsanleihen in mehreren europäischen Ländern verkauft. Neben dem Anstieg der Rendite der zweijährigen deutschen Staatsanleihen um 5 Basispunkte auf 2,67 % verzeichnete auch die Rendite der italienischen 10-jährigen Staatsanleihen (IT10Y) eine deutliche Veränderung auf 3,24 %. Yoram Lustig, Leiter der globalen Investmentlösungen bei T. Rowe Price, weist darauf hin, dass dies die dritte große Energiekrise in Europa seit dem Jahr 2000 ist. Von den vorherigen Gesundheitskrisen über geopolitische Konflikte bis hin zur aktuellen Iran-Krise erforderten alle externen Krisen massive staatliche Finanzmittel, um die betroffenen Industrien zu unterstützen und die Verbraucher zu subventionieren. Langfristig hohe Staatsausgaben deuten darauf hin, dass das Angebot an Staatsanleihen in Zukunft weiter zunehmen könnte, was einen potenziellen Faktor für den anhaltenden Druck auf die Anleihemärkte der Eurozone darstellt.
Langfristige Renditekurve und makroökonomische Aussichten
Mittelfristig hängt die Zinsentscheidung der EZB nicht nur von kurzfristigen geopolitischen Ereignissen ab, sondern wird auch durch die tief verwurzelte Trägheit der Kerninflation innerhalb der Eurozone beeinflusst. Sollte die Kerninflation in der zweiten Jahreshälfte nicht wie erwartet zurückgehen, wird die Marktbewertung des langfristigen neutralen Zinssatzes umfassend korrigiert werden müssen. Derzeit hat der Markt in seiner Bewertung bereits die zuvor optimistischeren Optionen einer Zinssenkung oder eines Stopps der Straffung allmählich ausgeblendet. Für Investoren in Staatsanleihen wird die zukünftige Rendite des Portfolios stark von der Dauer der Schwankungen auf der Angebotsseite und der Intensität der fiskalpolitischen Unterstützung abhängen. Dieser übergreifende Übertragungsmechanismus führt dazu, dass die Volatilität auf den europäischen Rentenmärkten auf einem historisch relativ hohen Niveau bleibt. Sollte die makroökonomische Unsicherheit weiterhin die Risikobereitschaft dämpfen, könnte die Neubewertung von Eurozonen-Assets auf Kreditmärkte übergreifen.