Die Wall Street sieht sich derzeit zwei Risikofaktoren gegenüber: Einerseits Energiepreisschocks durch die Eskalation des Nahostkonflikts, andererseits die Wiederoffenlegung von Liquiditäts- und Bewertungsproblemen im privaten Kreditmarkt. Beide zusammen veranlassten den US-Aktienmarkt am Donnerstag sichtbar in den Verteidigungsmodus zu wechseln.
Energiepreisschocks dominieren erneut die Preisbildung
Nach der Eskalation der Lage im Nahen Osten näherten sich die Rohölpreise erneut der Marke von 100 Dollar pro Barrel. Die Sorge des Marktes gilt nicht mehr nur den kurzfristigen Ölpreisschwankungen, sondern auch der Frage, ob das Transportausfallrisiko in der Straße von Hormus die Situation weiter verzögern und folglich über Treibstoff-, Fracht- und Industriekosten auf die globale Inflation auswirken wird. Hohe Ölpreise belasten rasch kostenempfindliche Sektoren wie Luftfahrt, Kreuzfahrt und optionale Konsumgüter, während sie gleichzeitig die Aktien der Energiesektoren beflügeln.
Privatkredite als neuer Druckpunkt im Finanzsektor
Parallel zum Ölpreisschock herrscht Unruhe im privaten Kreditmarkt. Morgan Stanley schränkte Rücknahmen bei einem privaten Kreditfonds ein, was in einer Hochzinsumgebung und sinkender Risikobereitschaft darauf hinweist, dass das Liquiditätsmanagement von nicht-öffentlichen Kreditvermögen auf eine härtere Probe gestellt wird. Zuvor hatten Blackstone und BlackRock ähnliche Maßnahmen ergriffen, und JP Morgan reduzierte die Bewertungen einiger entsprechender Darlehen.
Derzeit hat der Markt noch keine systemischen Risiken festgestellt, doch Investoren beginnen eine entscheidende Frage neu zu bewerten: Welche Rolle spielen diese Vermögenswerte in wie vielen Institutionsbüchern, zu welchen Bewertungen werden sie gehalten, und könnten Rücknahmebeschränkungen von einzelnen Produkten auf breitere Vermögensverwaltungsplattformen übergreifen?
Zinssenkungserwartungen verschoben
In diesem Kontext müssen auch die Erwartungen an die Lockerungspolitik der Federal Reserve zwangsläufig angepasst werden. Goldman Sachs hat den nächsten geplanten Zinssenkungstermin von Juni auf September verschoben und erwartet in 2026 nur noch Zinssenkungen um jeweils 25 Basispunkte im September und Dezember. Hauptgrund für diese Einschätzung ist der Anstieg der Energiepreise infolge des Nahostkonflikts, der den Prozess des Inflationsrückgangs instabiler machen könnte.
Marktbedeutung
Das bedeutet, dass der US-Aktienmarkt derzeit nicht nur "Wachstumsverlangsamung" handelt, sondern eine Kombination aus "hohen Ölpreisen + Kreditverspannung". Sollte sich das Risiko der Energieversorgung weiter hochschaukeln und der private Kreditmarkt erneut auf mehr Rücknahmebeschränkungen oder Bewertungsabschläge stoßen, könnten der Finanz- und der Zyklussektor weiter unter Druck stehen und die Marktvolatilität auf hohem Niveau bleiben.