Lucid hat im ersten Quartal die Auslieferungserwartungen nicht erfüllt und erinnert den Markt erneut daran, dass im Übergang der Elektrofahrzeugbranche von der „Kapazitätsgeschichte“ zur „Cashflow- und Ausführungskompetenzgeschichte“ kleinere Störungen in der Lieferkette schnell zu großen Problemen auf dem Kapitalmarkt werden können. Das Unternehmen lieferte 3.093 Fahrzeuge aus und produzierte 5.500 Fahrzeuge, beides unter den Markterwartungen. Auslöser war nicht ein makroökonomischer Nachfrageeinbruch, sondern ein Qualitätsproblem mit der Rückbank des Lucid Gravity, das eine 29-tägige Verkaufsunterbrechung und anschließende Rückrufaktion verursachte.
Makro-Erzählung
In den vergangenen Jahren konnten Elektroautostartups oft mit Expansionsgeschichten die Geduld des Marktes gewinnen. Doch heute legen Investoren mehr Wert auf Auftragserfüllungen, Rückrufkosten und die Stabilität der Lieferkette. Das Problem bei Lucid ist deshalb sensibel, weil es im Einführungsfenster des neuen Modells Gravity auftritt, das für das Unternehmen entscheidend ist, um höhere Verkaufszahlen und eine breitere Konsumentengruppe zu erreichen. Wenn ein neues Modell bereits in der Hochlaufphase auf Qualitäts- und Lieferantenmanagementprobleme stößt, wird der Markt gewöhnlich die Fähigkeit zur Jahresproduktion und -verkäufen neu bewerten.
Übergreifende Auswirkungen (Cross-Asset Implications)
Für den Aktienmarkt verstärken solche Ereignisse bei Lucid die Tendenz der Investoren, differenzierte Ansätze bei Elektroautounternehmen mit hohem Geldbedarf zu bevorzugen: Unternehmen mit einem stärkeren Lieferantennetzwerk und finanziellen Puffer werden oft milder bewertet, während bei Unternehmen mit hoher Ausführungsschwankung die Kursflexibilität schwächer wird. Im Hinblick auf Kredit- und Finanzierungsbedingungen neigt der Kapitalmarkt dazu, höhere Risikoprämien zu verlangen, sollten Auslieferungs- und Rückrufprobleme wiederholt auftreten. Für Unternehmen aus den Bereichen Rohstoffe und Bauteile bedeutet dies, dass Autohersteller nach Qualitätserlebnissen verstärkt Prüf- und Zertifizierungsprozesse einführen, was die Kosten eines Wechsels der Lieferkette erhöhen kann. Die letzten beiden Sätze basieren auf Branchenfinanzierungs- und Lieferkettenregeln.
Risikovariablen
Lucid hat das Jahresproduktionsziel von 25.000 bis 27.000 Fahrzeugen nicht nach unten korrigiert, was den Markt in seiner Erwartung auf eine Erholung stützt. Jedoch hat Reuters zuvor berichtet, dass das Unternehmen angesichts von Faktoren wie Chipknappheit, Unsicherheiten bei seltenen Erden, Zolltarifen auf Autoteile und einem Brand bei einem Aluminiumlieferanten vorsichtig mit den Wachstumsaussichten bis 2026 bleibt. Das Gravity-Ereignis ist somit lediglich eine konzentrierte Darstellung bestehender Lieferkettenanfälligkeit und nicht ein isolierter Vorfall.
Wichtige Beobachtung
In Zukunft ist nicht nur wichtig, ob Lucid die zurückgerufenen Fahrzeuge reparieren kann, sondern auch, ob es gelingt, die „Produktion“ wieder stabil in „Auslieferung“ zu überführen. Sollte die Auslieferung im zweiten Quartal deutlich zulegen, könnte sich der Markteinfluss dieses Ereignisses allmählich abschwächen; falls jedoch die Diskrepanz zwischen Auslieferung und Produktion weiter zunimmt, wird es für Lucid schwieriger, das Etikett eines „Produktionsfähigen, aber ineffizient umsetzenden“ Unternehmens abzuschütteln.