Die US-Zinsmärkte stellen sich zunehmend auf den nächsten Schritt der Federal Reserve ein. Fed-Gouverneur Michael Barr erklärte, nach der Zinserhöhung um 25 Basispunkte in der vergangenen Woche könnten weitere Anpassungen erforderlich sein, damit die Inflation rechtzeitig zum Zielwert zurückkehrt. Gleichzeitig zeigen vorläufige September-Daten von S&P Global eine stärkere Aktivität im verarbeitenden Gewerbe und im Dienstleistungssektor sowie steigende Kosten für Unternehmen. Dadurch ist die Wahrscheinlichkeit einer weiteren Zinserhöhung bei der Fed-Sitzung im Oktober deutlich gestiegen.
CME FedWatch sieht Oktober-Schritt bei 71 %
Das CME-FedWatch-Tool bezifferte die Wahrscheinlichkeit einer weiteren Zinserhöhung bei der Sitzung des Federal Open Market Committee (FOMC) am 27. und 28. Oktober zum Stand vom 23. September auf 71 %. Die Berechnung basiert auf der aus 30-Tage-Futures auf die Federal Funds abgeleiteten Markterwartung.
In der vergangenen Woche hob das FOMC die Zielspanne für den US-Leitzins um 25 Basispunkte auf 3,75 bis 4,00 % an. Barr bezeichnete die Entscheidung als „wichtige Maßnahme“ und unterstützte sie gemeinsam mit den elf weiteren stimmberechtigten FOMC-Mitgliedern. Von den 18 Teilnehmern, die Wirtschaftsprognosen einreichten, rechneten nur zwei in diesem Jahr nicht mit einer weiteren Zinserhöhung.
Zuvor hatten die Märkte auch die Möglichkeit eingepreist, dass die Fed bis zu ihrer Dezember-Sitzung und damit nach den Zwischenwahlen im November abwarten könnte. Barrs jüngste Äußerungen und die veränderten Konjunkturdaten rücken nun wieder einen Zinsschritt im Oktober in den Mittelpunkt.
Barr hält weitere Zinsschritte für möglich
In vorbereiteten Stellungnahmen für eine Wohnimmobilienkonferenz in Chicago sagte Barr: „In meinem Basisszenario könnte eine weitere Anpassung der Geldpolitik weiterhin erforderlich sein, um sicherzustellen, dass die Inflation rechtzeitig zum Ziel zurückkehrt.“ Zugleich erklärte er, die Fed wolle ein nachhaltiges und dauerhaftes Wirtschaftswachstum sowie eine möglichst hohe Beschäftigung unterstützen. Preisstabilität sei dafür eine zentrale Voraussetzung.
Barr sagte außerdem, das vorherige Zinsniveau habe sich „an einer unangemessenen Stelle“ befunden. Die Anpassung der vergangenen Woche bezeichnete er als „einen Schritt in die richtige Richtung“. Seine Aussagen deuten darauf hin, dass zumindest ein Teil der Währungshüter die jüngste Erhöhung nicht als einmalige Maßnahme betrachtet.
Anfang dieser Woche erklärten auch der Präsident der St. Louis Fed, Alberto Musalem, und die Präsidentin der Boston Fed, Susan Collins, dass die Zinsen möglicherweise weiter steigen müssten. Beide sind in diesem Jahr keine stimmberechtigten FOMC-Mitglieder. Ihre Aussagen werden dennoch als Hinweise auf die interne Debatte über den weiteren geldpolitischen Kurs verfolgt.
S&P Global meldet beschleunigte Geschäftsaktivität
Die vorläufigen Einkaufsmanagerindizes von S&P Global für September zeigen eine deutliche Belebung. Der Index für den US-Dienstleistungssektor stieg auf 58,7 und erreichte damit den höchsten Wert in der 59-monatigen Geschichte der Umfrage. Der Index für das verarbeitende Gewerbe kletterte auf 56,7, den höchsten Stand seit 53 Monaten. Der zusammengesetzte Index erreichte mit 58,4 ein 62-Monats-Hoch. Werte über 50 signalisieren im Allgemeinen eine Expansion des jeweiligen Sektors.
Die höhere Aktivität ging mit erneutem Preisdruck einher. S&P Global zufolge stieg der umfassende Inflationsindikator auf den höchsten Stand seit Oktober 2022. Ausschlaggebend waren vor allem höhere Treibstoff- und Transportkosten sowie steigende Löhne.
Chris Williamson, Chefökonom bei S&P Market Intelligence, erklärte, die Kosten für Vorleistungen der Unternehmen seien im September so schnell gestiegen wie seit vier Jahren nicht mehr. Die höheren Ölpreise verteuerten Treibstoff und Transport. Dadurch könnten die Verkaufspreise der Unternehmen in den kommenden Monaten weiter steigen und den Inflationsdruck verstärken.
Auch die Beschäftigungsdaten sprechen für eine robuste Nachfrage der Unternehmen. Die befragten Firmen erklärten, sie müssten zusätzliches Personal einstellen, um ihre Auftragsrückstände abzuarbeiten. Das Beschäftigungswachstum erreichte den höchsten Wert seit Juni 2022 und gehörte damit zu den wenigen vergleichbaren Zeiträumen mit einer derart starken Entwicklung in den seit 2009 erfassten Daten. Im Dienstleistungssektor war der Beschäftigungsaufbau so kräftig wie seit Juni 2002 nicht mehr, während das verarbeitende Gewerbe den höchsten Wert seit Februar 2021 erreichte.
Rendite zweijähriger US-Anleihe steigt über 4,9 %
Die veränderten Zinserwartungen wirkten sich rasch auf den Anleihemarkt aus. Die Rendite zweijähriger US-Staatsanleihen, die besonders sensibel auf die Geldpolitik der Fed reagiert, stieg zeitweise um mehr als 13 Basispunkte auf rund 4,9 %. Ein Intraday-Kurs wies eine Rendite von 4,916 % aus, 0,139 Prozentpunkte höher. Ein Basispunkt entspricht 0,01 Prozentpunkten. Anleiherenditen bewegen sich typischerweise entgegengesetzt zu den Kursen.
Für die Märkte stellt sich nun die Frage, ob sich die robuste Geschäftsaktivität und das Beschäftigungswachstum trotz des zunehmenden Preisdrucks fortsetzen können und ob die Fed im Oktober erneut nachschärfen wird. Die jüngsten Daten und Aussagen von Notenbankvertretern haben die Wahrscheinlichkeit einer weiteren Zinserhöhung erhöht. Die Entscheidung hängt jedoch von den bis zur Sitzung veröffentlichten Inflations-, Arbeitsmarkt- und Konjunkturdaten sowie von der Einschätzung des FOMC zum geldpolitischen Kurs ab.