Nvidia-Chef Jensen Huang sieht die Künstliche Intelligenz (KI) an einem Wendepunkt: Nach Jahren der Forschung gehe die Branche nun in die groß angelegte Produktion über. Gleichzeitig prüfen Anleger, ob die hohen Bewertungen und Investitionen in Rechenkapazitäten dauerhaft Umsatz und Gewinne hervorbringen können. Nvidia hatte seine Umsatzprognose für das Quartal im vergangenen Monat von zuvor 96,2 Milliarden US-Dollar auf 108 Milliarden US-Dollar angehoben. Huang führt dies auf die anhaltend hohe Nachfrage nach KI-Infrastruktur zurück. Für eine belastbare Einschätzung der Ertragskraft seien jedoch weitere Geschäftszahlen erforderlich.
Huang sieht KI in einer produktiven Phase
In einem am 20. September veröffentlichten ausführlichen Interview sagte Huang, dass sich ein großer Teil der KI-Branche in den vergangenen zehn bis 15 Jahren auf Forschung konzentriert habe. In diesem Jahr sei die Technologie zunehmend in nutzbare kommerzielle Produkte überführt worden. Unternehmen wie OpenAI und Anthropic entwickelten sich von Labororganisationen zu Produktunternehmen und bauten ihre Rechenkapazitäten zugleich in hohem Tempo aus.
Nach Huangs Einschätzung befindet sich die Branche seit etwa sechs Monaten in einer „Phase hoher Produktion“. KI-Produkte seien nicht mehr lediglich Technologiedemonstrationen; einige erzielten bereits Umsatz. Diese Entwicklung sei ein wesentlicher Grund dafür, dass Nvidia seine hohen Umsatzerwartungen aufrechterhalte.
Huang wies außerdem Prognosen zurück, wonach KI noch vor 2030 das Aussterben der Menschheit verursachen könnte. Für solche Aussagen gebe es keine wissenschaftliche Grundlage. Seine Äußerungen beseitigten jedoch nicht die grundsätzlichen Sorgen der Märkte über das Tempo der KI-Entwicklung, die Kosten der dafür erforderlichen Infrastruktur und den Zeitpunkt, an dem sich kommerzielle Erträge einstellen.
Chipwerte unter Druck: Anleger verlangen Erträge
Die Märkte haben die Annahme, dass die KI-Ausgaben im bisherigen Tempo weiter steigen werden, bislang nicht vollständig übernommen. Die Nvidia-Aktie fiel am 14. September um 3,4 Prozent. Frühere Äußerungen von Anthropic-Chef Dario Amodei, OpenAI-Chef Sam Altman und Elon Musk, die unterschiedliche Einschätzungen zum Entwicklungstempo und zu den Risiken der Branche erkennen ließen, erhöhten die Schwankungen bei Chipwerten und belebten die Debatte über eine mögliche KI-Blase.
Auch der Investor Michael Burry hat seine Short-Position in Nvidia ausgebaut. Er begründet dies mit einer aus seiner Sicht zu hohen Bewertung des Unternehmens. Zugleich wächst in einigen Regionen der Widerstand gegen den Bau von Rechenzentren. Im Mittelpunkt der Auseinandersetzungen stehen deren Stromverbrauch, die Belastung der lokalen Infrastruktur und die Auswirkungen auf die umliegenden Gemeinden. Huang räumte ein, dass die KI-Branche mit diesen Fragen nicht gut umgegangen sei.
Nvidia-Bewertung hängt stärker an der Rechennachfrage
Nvidia kommt derzeit auf eine Marktkapitalisierung von rund 5,3 Billionen US-Dollar und gehört damit gemessen am Börsenwert zu den größten börsennotierten Unternehmen der Welt. Huangs Einschätzung der KI-Ausgaben ist deshalb nicht nur für Nvidias Aufträge und Gewinne relevant. Sie beeinflusst auch, wie Anleger die gesamte Wertschöpfungskette rund um KI-Infrastruktur bewerten.
Die zentrale Frage am Markt lautet inzwischen nicht mehr nur, ob KI-Produkte praktische Anwendungen haben. Anleger untersuchen auch, wie viel Kapital Unternehmen bereitstellen müssen, wann sich diese Ausgaben in stabilen Umsätzen niederschlagen und ob Cloud-Anbieter sowie Entwickler von KI-Modellen ihr derzeitiges Tempo bei den Käufen von Rechenkapazität aufrechterhalten können. Die Pläne von OpenAI und Anthropic zum Ausbau ihrer Rechenressourcen stützen zwar die Nachfrage nach Nvidia-Produkten. Gleichzeitig lenken sie den Blick auf die Finanzierung der Kunden und deren Fortschritte bei der Kommerzialisierung.
Nvidias nächster Geschäftsbericht wird zeigen, ob sich die Phase hoher Produktion weiter beschleunigt. Der Quartalsumsatz, das Wachstum im Rechenzentrumsgeschäft und die Aussagen des Managements zu künftigen Aufträgen könnten einen präziseren Hinweis liefern als allgemeine Einschätzungen zur Branche. Entscheidend bleibt, ob die Nachfrage nach KI-Rechenleistung zu einer dauerhaft tragfähigen Umsatzquelle für Unternehmen wird.