Ein Abkommen zwischen den USA und Iran könnte die Straße von Hormus wieder für den Schiffsverkehr öffnen und die Meerenge erneut ins Zentrum der Marktbeobachtung rücken. Eine Rückkehr zum regulären Transit würde den Angebotsdruck am US-Treasury-Markt jedoch nicht automatisch umkehren. Energietransporte, der Finanzierungsbedarf der US-Regierung und die Entwicklung der langfristigen Zinsen prägen die Marktbedingungen weiterhin. Deshalb dürfte kein einzelnes geopolitisches Ereignis die Richtung der Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen bestimmen.
Eine Öffnung der Meerenge wäre nur ein Marktfaktor
Die Generalversammlung der Vereinten Nationen in New York bringt in dieser Woche alle 193 Mitgliedstaaten zusammen. Ob Iran teilnimmt und welche Signale das Land aussendet, wird besonders aufmerksam verfolgt. Im Mittelpunkt stehen mögliche Folgen für die Beziehungen zwischen Washington und Teheran sowie für den Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus.
Sollten die USA und Iran eine Vereinbarung erzielen, könnte ein wiederhergestellter Transit durch die Meerenge die Sorgen über Unterbrechungen beim Rohöltransport verringern. Die Auswirkungen auf die Märkte sollten jedoch nicht überschätzt werden. Ein geringeres Transportrisiko würde zunächst die Erwartungen an das Ölangebot und die Inflationsentwicklung beeinflussen. Der anhaltende Anstieg der Emissionen von US-Staatsanleihen wäre damit allerdings nicht gelöst.
Saudi-Arabien nimmt alternative Pipeline wieder in Betrieb
Saudi-Arabien hat den Betrieb seiner East-West-Pipeline wieder aufgenommen. Die Leitung verfügt über eine geschätzte Kapazität von rund 5 Millionen Barrel pro Tag. Sie kann die Straße von Hormus teilweise umgehen und damit die Abhängigkeit des Ölmarkts von der Meerenge reduzieren.
Damit steht dem Energiemarkt auch bei einer Veränderung der Lage in Hormus weiterhin eine alternative Transportverbindung zur Verfügung. Für die Einschätzung des Rohölangebots werden nun der Betriebsstatus der Pipeline, der tatsächliche Durchsatz und das Tempo der Rückkehr des Seeverkehrs entscheidend sein. Die Umgehungskapazität Saudi-Arabiens ist damit ein weiterer Faktor bei der Bewertung der Risiken rund um die Meerenge.
Finanzierungsbedarf der USA hält Angebotsdruck aufrecht
Zusätzlicher Druck auf den Treasury-Markt geht vom Finanzierungsbedarf der US-Regierung aus. Primärhändler schätzen, dass die Finanzierungslücke des US-Finanzministeriums bei einer Fortsetzung des derzeitigen Emissionstempos bis zum Fiskaljahr 2028 auf 1,45 Billionen US-Dollar anwachsen könnte.
Diese Schätzung deutet auf ein mittelfristiges Angebotsproblem hin und nicht auf eine kurzfristige Bewegung, die lediglich durch eine einzelne Woche oder ein geopolitisches Ereignis ausgelöst wird. Selbst wenn die Straße von Hormus wieder geöffnet wird und der Druck von den Energiepreisen nachlässt, könnten der Umfang der staatlichen Finanzierung und die Emissionen von US-Staatsanleihen weiterhin die von Anlegern verlangte Laufzeitprämie beeinflussen. Für den Anleihemarkt bleibt daher die Frage, ob das neue Angebot reibungslos aufgenommen werden kann, von größerer Dauer als eine einzelne diplomatische Entwicklung.
Nachhaltiger Rückgang der Zehnjahresrendite unter 4 Prozent schwierig
Vor diesem Hintergrund lässt sich der Ausblick für die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen nicht allein anhand der Entwicklungen im Verhältnis zwischen Iran und den USA beurteilen. Nach den derzeitigen Schätzungen dürfte die Zehnjahresrendite unabhängig vom weiteren Verlauf der Iran-Frage in den kommenden drei bis sechs Monaten kaum dauerhaft unter 4 Prozent bleiben.
Das schließt vorübergehende Renditerückgänge durch eine erhöhte Nachfrage nach sicheren Anlagen, niedrigere Energiepreise oder veränderte Erwartungen an die Geldpolitik nicht aus. Ein nachhaltiger Rückgang unter 4 Prozent würde angesichts des weiter steigenden Treasury-Angebots jedoch einen breiteren und länger anhaltenden Abwärtsdruck auf die Zinsen voraussetzen. Eine Öffnung der Straße von Hormus könnte die Erwartungen an Energiepreise und Inflation verändern. Der US-Finanzierungsbedarf, das Emissionstempo des Finanzministeriums und die Nachfrage nach länger laufenden Anleihen würden die Marktpreise jedoch weiterhin prägen.
Während Anleger die Teilnahme Irans an der UN-Generalversammlung und die Entwicklung der Beziehungen zwischen Washington und Teheran beobachten, müssen sie daher auch den Betrieb der alternativen Pipeline Saudi-Arabiens, das Tempo der Treasury-Emissionen und die Entwicklung der Zehnjahresrendite im Blick behalten. Nach den derzeit verfügbaren Informationen hat eine Verbesserung des Schiffsverkehrs durch die Meerenge den mittelfristigen Angebotsdruck am Treasury-Markt nicht beseitigt.