KI-Agenten rücken näher an die tatsächliche Orderausführung auf Kryptobörsen. MEXC-Chef Vugar Usi sieht darin die Möglichkeit, privaten Anlegern quantitative Handelsansätze zugänglich zu machen. Je eigenständiger die Systeme handeln, desto wichtiger wird jedoch die Frage, welche Befugnisse Nutzer erteilen – und ob sie diese später wieder entziehen können.
Soziale Medien beeinflussen Anlageentscheidungen
Auf der TOKEN2049 sagte Usi, Anlageentscheidungen würden zunehmend neben anderen Inhalten in sozialen Medien stehen, etwa Restaurantbewertungen oder Urlaubsfotos. Wenn Nutzer dort von Erfolgen anderer erfahren, könne das sie dazu bewegen, deren Entscheidungen nachzuahmen. Investieren könne zudem Ausdruck der eigenen Identität sein – etwa mit dem Hinweis, früh bei Amazon eingestiegen oder eine Gelegenheit zuerst erkannt zu haben.
Eine im April veröffentlichte Untersuchung der FINRA Investor Education Foundation auf Basis ihrer Anlegerbefragung von 2024 ergab: 59 % der Anleger, die soziale Medien nutzen, gaben an, dass Aktivitäten dort ihre Motivation zum Investieren beeinflussen. Bei Personen ohne Nutzung sozialer Medien lag der Anteil bei 11 %. Die Studie stellte außerdem eine Lücke zwischen dem Selbstvertrauen der Nutzer und ihren in Tests gemessenen Anlagekenntnissen fest. Soziale Inhalte können den Zugang zu den Märkten erleichtern, helfen aber nicht unbedingt dabei, die Qualität einer Empfehlung einzuschätzen.
Usi zufolge hat auch das Interesse an Unternehmen aus dem Bereich künstliche Intelligenz den Handel mit entsprechenden Vermögenswerten auf MEXC befördert. Große Aufmerksamkeit kann Anleger auf ein Thema bringen. Sie sagt für sich genommen jedoch nichts darüber aus, ob ein Vermögenswert angemessen bewertet ist.
MEXC bindet nutzereigene KI-Agenten an die Börse an
Am 28. September 2026 stellte MEXC ein Werkzeug vor, mit dem Nutzer eigene KI-Agenten an die Börse anbinden können, um Transaktionen vorzubereiten und auszuführen. Bei wichtigen Aktionen ist weiterhin eine Bestätigung durch den Nutzer erforderlich. Usi sagte, KI könne Privatanlegern helfen, algorithmische Ansätze zu nutzen, die bei quantitativen Handelsfirmen seit Langem verbreitet sind. Professionelle Anbieter stützen sich allerdings auch auf erprobte Strategien und verlässliche Daten. Der Zugang zu einem KI-Assistenten bedeutet daher nicht, dass Privatanleger die Ergebnisse eines Quant-Fonds erzielen können.
Eine von MEXC am 15. Oktober veröffentlichte Befragung unter 3.708 Kryptohändlern ergab, dass 84,8 % der Befragten KI für Recherchen oder den Handel eingesetzt hatten. Von diesen gaben 65,9 % an, zumindest gelegentlich auf Empfehlungen der KI zu reagieren. Die Ergebnisse beziehen sich auf die Stichprobe der MEXC-Umfrage. Berichte über eine bessere Handelsleistung sind persönliche Einschätzungen der Befragten und keine unabhängig überprüften Anlageergebnisse.
Als möglichen nächsten Schritt nannte Usi autonome Agenten, die Portfolios anpassen und im Auftrag der Nutzer nach Chancen suchen. Übernehmen solche Systeme mehr Aufgaben, müssen Anleger nachvollziehen können, wie sie Entscheidungen treffen und welche Aktionen sie ausführen.
Längere Handelszeiten erhöhen den Bedarf an Automatisierung
Usi verwies darauf, dass Börsen durchgehend geöffnet sind, Menschen aber Pausen und Schlaf brauchen. Nasdaq plant ab dem 6. Dezember einen Handelsbetrieb an fünf Tagen pro Woche mit jeweils 23 Stunden Handelszeit. Anleger erhalten dadurch mehr Zeit, auf Marktbewegungen zu reagieren.
Usi stellte sich vor, dass KI-Agenten Positionen verwalten, während Anleger schlafen, und eingreifen, bevor eine Position ein kritisches Niveau erreicht. Solche Werkzeuge könnten seiner Ansicht nach die Abhängigkeit von Zwangsliquidationen und Stop-Loss-Orders verringern. Das Gespräch lieferte jedoch keinen Beleg dafür, dass KI die Liquidation gehebelter Positionen verhindern kann. Dass ein Agent rund um die Uhr arbeitet, garantiert nicht, dass seine Entscheidungen richtig sind.
Längere Handelszeiten geben Anlegern auch mehr Gelegenheit, selbst aktiv zu werden – mitunter impulsiv. Automatisierung kann dabei helfen, zuvor festgelegte Regeln einzuhalten, sofern das System die vorgegebenen Grenzen tatsächlich beachtet.
Eine Bestätigung schützt nicht vor Fehlentscheidungen
Im von Usi beschriebenen Ablauf bleibt eine menschliche Kontrollstufe bestehen: Die KI schlägt einen Handel vor, der Nutzer bestätigt ihn vor der Ausführung. Ein Klick auf „Bestätigen“ ersetzt jedoch nicht das Verständnis der Transaktion. Auch eine überzeugend formulierte Empfehlung kann auf einer schwachen Grundlage beruhen. Usi sagte, Finanzunternehmen sollten mit KI vorsichtig umgehen und Risiken sowie Grenzen ernst nehmen, statt Schutzmechanismen vorschnell abzubauen.
Leitlinien des Financial Stability Board zum verantwortungsvollen Einsatz von KI, veröffentlicht am 15. Oktober, sehen eine menschliche Aufsicht vor, die dem Autonomiegrad und dem Risiko eines Systems angemessen ist. Wirksame Kontrolle beschränkt sich demnach nicht darauf, einzelne Aktionen freizugeben. Sie setzt auch voraus, dass Verantwortliche bei Bedarf eingreifen können.
In der MEXC-Befragung erklärten 54 % der Teilnehmer, sie würden einer KI höchstens 20 % ihres Kontovermögens zum Handel überlassen, sofern sie kein Geld überweisen oder abheben könnte. Nur 6,5 % wären bereit, der KI den Handel mit mehr als der Hälfte ihrer Vermögenswerte zu gestatten. Die Antworten zeigen, dass viele Befragte den Handelszugriff begrenzen würden. Sie lassen sich jedoch nicht ohne Weiteres auf alle Kryptoinvestoren übertragen.
Usi hob die Bedeutung der Beziehung zwischen Plattformen und ihren Kunden hervor. Besonders wichtig ist der Umfang der Nutzerfreigaben, wenn eine Plattform Anlageinformationen, Handelstools und Orderausführung bündelt. Je stärker KI-Agenten in Entscheidungen eingebunden sind, desto klarer müssen Anleger wissen, welche Berechtigungen sie erteilt haben und ob sie diese entziehen können, wenn eine Strategie nicht mehr zu ihnen passt.