Anthropics Börsenunterlagen rücken das rasante Wachstum des KI-Unternehmens ebenso in den Fokus wie seine hohen Kosten. Anleger müssen nun eine angestrebte Bewertung von 1,5 bis 2 Billionen US-Dollar einordnen. Damit würde Anthropic zu den wertvollsten US-Technologiekonzernen zählen. Ein möglicher Börsengang, der zu den größten überhaupt gehören könnte, fällt zudem in eine Phase steigender Zinsen und genauerer Prüfung der Ausgaben für KI-Infrastruktur.
Viele Unternehmenskunden, aber Umsatzkonzentration bleibt ein Thema
Anthropic wurde 2021 von Forschern gegründet, die OpenAI verlassen hatten. Das Unternehmen vertreibt seine Claude-Modelle und damit verbundene Dienste vor allem über Firmenverträge und Abonnements. Den Börsenunterlagen zufolge gaben im vergangenen Jahr mehr als 11.900 Geschäftskunden mindestens 100.000 US-Dollar bei Anthropic aus. Über 1.900 Kunden kamen auf mindestens eine Million US-Dollar, rund 250 auf mindestens zehn Millionen.
Das Wachstum beseitigt jedoch nicht die Abhängigkeit von einer vergleichsweise kleinen Kundengruppe. In den ersten neun Monaten des Jahres 2026 entfielen rund ein Viertel des Umsatzes auf fünf Kunden. Anleger, die dem Unternehmen positiv gegenüberstehen, sehen die frühen Geschäftserfolge mit Großkunden als Hinweis auf eine starke Nachfrage.
Denny Fish, Portfoliomanager bei Janus Henderson Investors, bezeichnete die Technologie als möglichen tiefgreifenden Wendepunkt. Zugleich komme es darauf an, die Einzelheiten der Börsenunterlagen genau zu prüfen. Erica Brescia, Managing Director bei Redpoint Ventures und ebenfalls Anthropic-Investorin, sagte, die Geschäftsentwicklung des Unternehmens sei beeindruckend. Ein Börsengang könne Privatanlegern zudem einen direkten Zugang zur Entwicklung von KI-Unternehmen eröffnen, statt sie auf ein Engagement bei Chipherstellern zu beschränken.
Hohe Verluste und Rechenverpflichtungen erschweren die Bewertung
Anthropic verbuchte im ersten Halbjahr 2026 einen Verlust von 80,7 Milliarden US-Dollar. Im Vorjahreszeitraum waren es 12,9 Milliarden US-Dollar. Laut Börsenunterlagen stammte der größte Teil des Verlusts aus Veränderungen des beizulegenden Zeitwerts von Wandelanleihen und derivativen Verbindlichkeiten. Anleger müssen daher bilanzielle Bewertungseffekte von der operativen Entwicklung unterscheiden.
Gleichzeitig wachsen Anthropics Verpflichtungen für Rechenkapazität. Auch der Wettbewerb durch günstigere Open-Weight-Modelle nimmt zu. David Trainer, CEO von New Constructs, zeigte sich nach Prüfung der Unterlagen zurückhaltend. Er verwies auf die Wettbewerbsposition des Unternehmens, Vereinbarungen zu Aktienverkäufen durch Insider sowie Verpflichtungen und Verbindlichkeiten, die die vorhandenen Barmittel deutlich übersteigen.
KI könne für die Gesellschaft ein leistungsfähiges Werkzeug sein, sagte Trainer. Daraus folge aber nicht automatisch, dass Unternehmen der Branche ebenso tragfähige Geschäftsmodelle aufbauen könnten. Zudem brauche es mehr Klarheit über die Beteiligungen von Insidern und deren Pläne für Aktienverkäufe.
Roger McNamee, ein früher Investor bei Google und Facebook, äußerte noch deutlichere Vorbehalte. Die Branche müsse einen großen Teil ihres kommerziellen Nutzens erst belegen. Zudem stellte er infrage, ob umfangreiche Börsenunterlagen Anlegern ausreichend verständlich machen, wie Anthropics Geschäftsaussichten zu den damit verbundenen Risiken stehen. Auch in sozialen Medien wird das Unternehmen positiv diskutiert; eine optimistische Erzählung ersetzt jedoch nicht die Prüfung der Finanzdaten.
Preisfindung und Profitabilität im Zentrum des IPOs
Die Veröffentlichung der Börsenunterlagen ist nur ein Schritt im IPO-Verfahren. Anthropic muss noch bei einer Roadshow mit Investoren sprechen, die Nachfrage ausloten, den Ausgabepreis festlegen und die Aktien zuteilen. Anschließend soll das Unternehmen an der Nasdaq unter dem Kürzel „ANT“ notiert werden.
Im Mai 2026 lag Anthropics Bewertung bei 965 Milliarden US-Dollar und damit deutlich unter der angestrebten IPO-Spanne. Der endgültige Ausgabepreis wird mitbestimmen, wie Anleger das Wachstum im Verhältnis zu den Risiken bewerten. Gil Luria, Managing Director bei D.A. Davidson, sagte, er wolle weiterhin den langfristigen Weg zur Profitabilität und die spätere Bewertung des Unternehmens besser verstehen. Ein reiner KI-Börsengang könne bei angemessener Preisgestaltung auf Interesse stoßen.
Für die Einschätzung bleiben vor allem die offengelegten Angaben zur Kundenkonzentration, zu den Verlustquellen, den Rechenverpflichtungen und dem Wettbewerb entscheidend. Die zentrale Frage ist, ob Anthropic sein Wachstum in dauerhaft erzielbare Gewinne umwandeln kann.