Der US-Dieselmarkt ist in seine saisonal traditionell stärkste Phase eingetreten. Der diesjährige Preisanstieg geht jedoch deutlich über das übliche saisonale Muster hinaus: Nach Daten des Automobilclubs AAA lag der landesweite Durchschnitt am 18. September bei 6,45 Dollar je Gallone. In Kalifornien kletterte der Preis auf 8,39 Dollar. Gegenüber dem Vorjahr entspricht das einem Anstieg von rund 74 beziehungsweise 62 Prozent. Die Belastung beschränkt sich nicht auf Tankstellen, sondern erreicht Speditionen, Eisenbahnen, Landwirtschaft, Einzelhandel und Lebensmittelketten. Das setzt die Margen und Aktienkurse betroffener Unternehmen unter Druck.
Russland und wichtige Seewege verschärfen Dieselknappheit
Tom Kloza, leitender Ölanalyst bei Golf Oil, führt einen Teil der Entwicklung auf geopolitische Konflikte zurück. Angriffe und Störungen haben russische Raffinerien beeinträchtigt. Gleichzeitig ist der Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus und das Rote Meer gestört. Zusammen erhöhen diese Faktoren den Druck auf das weltweite Dieselangebot.
Kloza hatte wiederholt darauf hingewiesen, dass die Dieselvorräte in den USA und weltweit niedrig sind. Drohnenangriffe in Russland, der Golfregion und im Umfeld des Roten Meeres haben nach seinen Angaben rund 7 Millionen Barrel täglicher Raffineriekapazität außer Betrieb gesetzt.
Erstmals überschritt der US-Dieselpreis erst in der vergangenen Woche die Marke von 6 Dollar je Gallone. Zugleich waren die Lagerbestände im September laut Kloza noch nie zuvor so niedrig. Bei knapperem Angebot müssen Raffinerien entscheiden, welchen Anteil ihrer Kapazitäten sie für Diesel und welchen sie für Benzin einsetzen. In einigen Regionen wurden bereits Beschränkungen für die von Kunden kaufbare Ölmenge eingeführt.
Höhere Dieselrechnungen erreichen Transport und Lebensmittel
Die steigenden Dieselpreise treffen weit mehr als private Autofahrer. Diesel treibt Lastwagen, Schiffe, Züge, Baumaschinen und landwirtschaftliche Fahrzeuge an. Diese Bereiche können ihren Verbrauch nicht so schnell senken wie einzelne Autofahrer. Clark Williams-Derry vom Institute for Energy Economics and Financial Analysis erklärte, die Nachfrage im gewerblichen Transport liege näher an einem notwendigen Verbrauch als an der Benzinnachfrage und reagiere daher weniger empfindlich auf Preise. Wenn das Angebot nicht ausreicht, kann Diesel dadurch schneller teurer werden als Benzin.
Diesel ist zudem ein weltweit gehandelter Rohstoff. Eine Angebotsstörung in einer Region kann deshalb über Handelsströme und Lagerbestände auch andere Märkte erreichen. Bei Benzin wird die Zusammensetzung dagegen stärker von regionalen Klima-, Wetter- und Luftreinhaltevorschriften bestimmt. Preisschocks breiten sich daher nicht in allen Regionen auf die gleiche Weise aus.
Logistikunternehmen dürften einen Teil der höheren Kraftstoffkosten an ihre Kunden weitergeben. Das kann die Zustellung von Lebensmitteln, Snacks und anderen Waren des täglichen Bedarfs verteuern und zugleich die Heizkosten der Haushalte erhöhen. Landwirtschaftsbetriebe, Speditionen, Bahnbetreiber, Einzelhändler und Lebensmittelhändler stehen damit vor höheren laufenden Ausgaben.
J.B. Hunt verliert binnen einer Woche fast 14 Prozent
An den Märkten werden die Gewinnerwartungen für Transportunternehmen inzwischen neu bewertet. Brad Delco, Finanzvorstand des S&P-500-Mitglieds und Speditionsunternehmens J.B. Hunt, sagte auf einer Konferenz von Morgan Stanley, das Unternehmen rechne vom zweiten auf das dritte Quartal mit einem Gewinnrückgang von 5 bis 10 Prozent. Die J.B.-Hunt-Aktie eröffnete am Mittwoch darauf 11 Prozent niedriger und lag in der am 18. September beendeten Woche fast 14 Prozent im Minus.
Auch die Aktien von FedEx und United Parcel Service gaben seit Ende August nach. Die Bahnbetreiber Union Pacific und CSX sind ebenfalls mit höheren Dieselaufwendungen konfrontiert. Die Nachfrage nach Schienentransporten hat sich während der Phase höherer Dieselpreise allerdings verbessert. Deshalb entwickelten sich die beiden Unternehmen nicht exakt wie die Anbieter im Straßengüterverkehr.
Ob der Dieselpreis weiter steigt, hängt davon ab, wie schnell Raffinerien wieder in Betrieb gehen, wie sich die Lage auf wichtigen Schifffahrtsrouten entwickelt und wann sich die US-amerikanischen sowie die globalen Lagerbestände erholen. Solange diese Faktoren unklar bleiben, werden sich die erhöhten Dieselkosten schrittweise in Frachtverträgen, Vertriebsaufwendungen und Unternehmensergebnissen niederschlagen.