US-Aktien gerieten am Mittwoch deutlich unter Druck, nachdem die US-Notenbank Federal Reserve erstmals seit drei Jahren die Zinsen angehoben hatte. Der Dow Jones Industrial Average verlor 631 Punkte. Tom Lee, Leiter der Research-Abteilung von Fundstrat, hielt die Marktreaktion für überzogen und wertete den Rückgang eher als Kaufgelegenheit denn als Hinweis auf einen grundlegenden Regimewechsel. Dan Greenhaus, Chefökonom und Stratege bei Solus Alternative Asset Management, äußerte sich vorsichtiger. Er verwies auf Schwächen in Teilen der Wirtschaft, die durch den Boom bei Rechenzentren für künstliche Intelligenz überlagert würden, und warnte, weitere Zinserhöhungen könnten den Druck verstärken.
Finanz- und Energiewerte führen Verluste an
Der Dow schloss 631 Punkte oder 1,2 Prozent tiefer bei 51.461 Punkten. Der S&P 500 gab 0,5 Prozent auf 7.551 Punkte nach, während der Nasdaq Composite mit 25.978 Punkten weitgehend unverändert blieb.
Der Ausverkauf folgte auf den Zinsentscheid der Fed. Nachdem die Notenbanker signalisiert hatten, dass noch vor Jahresende eine weitere Anhebung möglich sei, reduzierten Händler ihr Engagement in besonders zinssensitiven Sektoren. Finanz- und Energiewerte standen dabei besonders unter Druck. Die Aktie des Transportunternehmens J.B. Hunt brach um 13,3 Prozent ein, nachdem das Unternehmen vor einem deutlichen Gewinnrückgang gewarnt hatte. Das belastete auch verwandte Branchen.
Die Konjunkturdaten zeichneten allerdings kein einheitliches Bild einer raschen Verschlechterung. Die US-Einzelhandelsumsätze lagen im August über den Markterwartungen und milderten damit einige Rezessionssorgen. Dennoch rückte der Zinsausblick wieder ins Zentrum der Marktaufmerksamkeit. Nach den vorherigen Kursgewinnen verstärkte sich die Rotation zwischen den Sektoren.
Tom Lee setzt auf Zykliker und Finanzwerte
Lee erklärte am Mittwoch, der Ausverkauf müsse nicht zwangsläufig ein neues Risikosignal darstellen. Unter Verweis auf Analysen von Goldman Sachs sagte er, der Inflationsdruck könne sich in den kommenden zwei Quartalen allmählich abschwächen. Sollte sich dieser Trend fortsetzen, könnten zyklische Aktien, Finanzwerte und andere zinssensitive Titel Spielraum für eine Erholung gewinnen.
„Ich würde diesen Rücksetzer kaufen“, sagte Lee.
Zu den Sektoren, die bei einer Erholung des Gesamtmarktes führend sein könnten, zählte Lee zyklische Werte, Technologie, zyklische Konsumgüter und Finanzunternehmen. Seine Einschätzung setzt voraus, dass die Inflation nachlässt und sich die Zinserwartungen stabilisieren. Die kommenden Konjunkturdaten und weitere Signale der Fed bleiben daher entscheidend.
Greenhaus bezweifelt Bedarf für weitere Zinsschritte
Greenhaus beurteilte die Aussichten vorsichtiger. Seiner Ansicht nach musste die Fed die Zinsen zu diesem Zeitpunkt nicht anheben. Zugleich räumte er ein, dass die Stärke der Marktreaktion am Mittwoch über den unmittelbaren Effekt hinausging, den ein solcher Zinsentscheid normalerweise erwarten ließe.
Als Faktor, der Schwächen in anderen Bereichen der Wirtschaft verdecke, nannte er die Investitionen in KI-Rechenzentren. Die Investitionen in gewerbliche und industrielle Bauvorhaben belasteten das Bruttoinlandsprodukt seit etwa acht bis neun Quartalen. Sollten die Zinsen weiter steigen, könnten höhere Finanzierungskosten diesen Bereich zusätzlich unter Druck setzen.
Greenhaus zufolge könnten zudem Handelsalgorithmen die Volatilität am Mittwoch verstärkt haben. Algorithmische Strategien können Sektorrotationen und den Abbau von Risiken in konzentrierten Schüben auslösen. Dadurch können sich Indizes und einzelne Aktien deutlich stärker bewegen, als es allein durch Veränderungen der Fundamentaldaten gerechtfertigt wäre.
Inflationsdaten stehen auf dem Prüfstand
Lees Einschätzung, der Rücksetzer biete eine Kaufgelegenheit, hängt letztlich davon ab, ob sich die erwartete Abkühlung der Inflation in den kommenden zwei Quartalen zeigt und dadurch die Erwartungen an weitere Zinserhöhungen verändert. Sollte die Inflation hartnäckig bleiben, könnten Finanz-, Energie- und andere zyklische Branchen weiter unter dem Zinsniveau leiden. Geht der Preisdruck dagegen allmählich zurück, könnten zinssensitive Sektoren stabilere Bedingungen für eine Erholung vorfinden.
Die unmittelbaren Marktdaten sind eindeutig: Der Dow verlor in einer Sitzung 631 Punkte, Finanz- und Energiewerte verzeichneten die stärksten Verkäufe, und die Einzelhandelsumsätze im August übertrafen die Erwartungen. Im Fokus steht nun, ob die Fed weiterhin eine Zinserhöhung vor Jahresende signalisiert und ob sich außerhalb der Investitionen in KI-Rechenzentren, darunter bei gewerblichen und industriellen Bauvorhaben, weitere Anzeichen einer Abschwächung zeigen.