Derzeit befindet sich der globale Kapitalmarkt an einem entscheidenden Wendepunkt des makroökonomischen Narrativs. Der jüngste Bericht der Deutschen Bank (DBK:GR) hat die bisher bestehenden Erwartungen hinsichtlich der Geldpolitik im Jahr 2026 völlig erschüttert. Die Bank hat offiziell ihre Prognose aufgegeben, dass die Federal Reserve (Fed) im September die Zinsen um 25 Basispunkte senken wird, und geht stattdessen davon aus, dass die Zentralbank das ganze Jahr über den Leitzins bei 3,5% bis 3,75% halten wird. Die wesentliche Grundlage für diese Einschätzung ist der durch geopolitische Konflikte im Nahen Osten verursachte Aufwärtsdruck auf die Energiepreise sowie die anhaltende strukturelle Starrheit des amerikanischen Arbeitsmarktes.
Übertragung in der Wertschöpfungskette
Die geopolitischen Spannungen im Nahen Osten beeinflussen die makroökonomische Lage und übertragen sich über die Ölindustrie breit auf die reale Wirtschaft. Der Anstieg der Risikoprämien für Brent- und WTI-Rohöl-Futures spiegelt sich zunächst in den Kosten für Raffinerien und im Logistiktransport wider. Die steigenden Kraftstoffpreise erhöhen direkt die Betriebsausgaben für Luftfahrt, Seefracht und Straßengüterverkehr, und diese erhöhten Kosten werden letztendlich über die Endpreise der Konsumgüter auf den Kernverbraucherpreisindex (CPI) abgewälzt. Für die Federal Reserve ist diese durch externe Faktoren verursachte Inflationsrückkehr besonders schwierig, da das bloße Beibehalten hoher Zinssätze das Angebotsengpassproblem nur schwer lösen kann. Sollten die Energiepreise auf hohem Niveau bleiben, wird der Gewinnspielraum der Unternehmen in der Mittel- und Niedrigstufe der Wertschöpfungskette unter Druck geraten, was möglicherweise eine neue Runde von Stagflationssorgen auslösen könnte.
Strukturelle Unterstützung des Arbeitsmarktes
Neben der extern importierten Inflation bildet auch die Klebrigkeit der inländischen Service-Inflation in den USA ein Hindernis für Zinssenkungen. Die Deutsche Bank weist darauf hin, dass eine Voraussetzung für Zinssenkungen eine Abschwächung des Arbeitsmarktes ist. Doch die aktuellen Daten zur Beschäftigung außerhalb der Landwirtschaft und die offenen Stellen zeigen, dass die Nachfrage der Unternehmen nach Arbeitskräften nach wie vor stark ist. Dieses Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage führt zu einer Lohnwachstumsrate, die mit dem 2%-Inflationsziel nicht vereinbar ist. Solange die Bilanzen und Cashflows der Haushalte durch Lohnzuwächse gestützt werden, bleibt die Widerstandsfähigkeit des Konsumsektors schwer zu durchbrechen, und die Zentralbank verliert den internen Anreiz, die monetäre Situation zu lockern.
Neugestaltung und Wettstreit der institutionellen Erwartungen
Angesichts der komplexen makroökonomischen Variablen hat sich das Bewertungssystem führender Investmentbanken deutlich gespalten. Institutionen wie JPMorgan (JPM:US) stehen auf der Seite der Deutschen Bank und glauben, dass das Fenster für Zinssenkungen in diesem Jahr geschlossen ist; während Goldman Sachs (GS:US) und die Bank of America (BAC:US) weiterhin an der Erwartung zweier Zinssenkungen festhalten. Diese Spaltung spiegelt sich im Mikrohandelebene wider und äußert sich durch die hohe Volatilität auf dem Markt für Zinsderivate. Die Daten der London Stock Exchange Group (LSEG:LN) zeigen, dass die implizite Wahrscheinlichkeit im Markt für keine Zinssenkung bereits bei 69% liegt. Sollten die nachfolgenden Wirtschaftsdaten die Einschätzung der Deutschen Bank bestätigen, könnten institutionelle Gelder, die auf einen Zinssenkungszyklus gesetzt haben, mit Abverkäufen konfrontiert werden, was die kurzfristigen Liquiditätsengpässe auf den Finanzmärkten verschärfen könnte.