Die Bank of England dürfte ihren Leitzins bei der Sitzung am 17. September trotz der über das Ziel gestiegenen britischen Inflation bei 3,75 % belassen. An den Märkten wird eine Zinspause mit einer Wahrscheinlichkeit von mehr als 80 % eingepreist. Zugleich rechnen Händler zunehmend damit, dass die Notenbank ihren Leitzins im November um mindestens 25 Basispunkte anheben könnte.
Damit würde Großbritannien vorübergehend einen anderen Kurs als mehrere große Zentralbanken verfolgen. Die US-Notenbank Federal Reserve erhöhte ihren Leitzins am 16. September um 25 Basispunkte – die erste Anhebung seit 2023. Die Europäische Zentralbank kündigte in der vergangenen Woche ihre zweite Zinserhöhung des Jahres an, nachdem sie die Zinsen im Juni erstmals seit drei Jahren angehoben hatte. Auch die Bank of Japan dürfte ihren Leitzins anheben, wenn ihre zweitägige Sitzung am 18. September endet.
Britische Inflation steigt wieder über 3 Prozent
Nach den am 16. September vom britischen Statistikamt Office for National Statistics veröffentlichten Daten stieg der Verbraucherpreisindex im August binnen Jahresfrist um 3,1 %. Damit lag die Teuerungsrate erstmals seit März wieder über der Marke von 3 %. Einen wesentlichen Beitrag leisteten Kraftstoffe, deren Preise im Jahresvergleich um 23 % zulegten.
Die Bank of England strebt eine Inflationsrate von 2 % an. Der starke Anstieg der Kraftstoffpreise ist jedoch zu einem großen Teil auf Veränderungen an den Energiemärkten und externe Angebotsbedingungen zurückzuführen. Für die weitere Zinsentscheidung wird deshalb entscheidend sein, ob sich der Preisschub auch in Löhnen, Dienstleistungspreisen und den Betriebskosten der Unternehmen niederschlägt.
Großbritannien ist Nettoimporteur von Energie. Zugleich verarbeitet die Wirtschaft weiterhin die Folgen des Inflationsschocks nach der Pandemie und der durch den Russland-Ukraine-Krieg ausgelösten Störungen bei der Gasversorgung. Ein erneuter Anstieg der Energiepreise könnte die Ausgaben von Haushalten und die Vorleistungskosten der Unternehmen erhöhen. Dadurch könnte der Rückgang der Inflation nach der noch nicht vollständig überwundenen Lebenshaltungskostenkrise langsamer ausfallen.
Gilt-Renditen erhöhen den Druck
Der britische Staatsanleihemarkt wurde in diesem Jahr von globalen Inflationssorgen, Unsicherheit über die Finanzpolitik und politischen Unwägbarkeiten belastet. Großbritannien weist derzeit innerhalb der G7 die höchsten Finanzierungskosten auf. Die Renditen 20- und 30-jähriger Gilts nähern sich 6 %.
Steigende langfristige Renditen verteuern die Refinanzierung des Staates. Zugleich wirken sie sich auf die Finanzierungskosten von Unternehmen, Immobilienbewertungen und die Risikobewertung an den Finanzmärkten aus.
Im Raum steht zudem, dass die Bank of England mit ihrem Zinsentscheid den Verkauf 20- und 30-jähriger Gilts stoppen könnte. Sollte es dazu kommen, würde neben dem Leitzins auch das Programm zur quantitativen Straffung stärker in den Mittelpunkt rücken. Entscheidend wäre dann, wie sich die Bestände der Notenbank auf Angebot und Nachfrage bei lang laufenden Staatsanleihen auswirken. Die Option wird weiterhin geprüft; Einzelheiten hängen von der formellen Mitteilung der Bank of England ab.
Gouverneur Andrew Bailey und der Vorsitzende der Federal Reserve, Kevin Warsh, traten am 28. August gemeinsam beim Jackson Hole Economic Policy Symposium auf. Dass die Fed die Zinsen bereits angehoben hat, während die Bank of England möglicherweise pausiert, spiegelt Unterschiede bei Inflationsstruktur, Energieabhängigkeit und Wachstum der beiden Volkswirtschaften wider. Es handelt sich damit nicht lediglich um eine Abweichung vom globalen Zinszyklus.
Märkte richten den Blick auf November
Scott Gardner, Investmentstratege bei J.P. Morgan Personal Investing, bezeichnete den Anstieg der August-Inflation als wahrscheinlich nicht ausreichend, um die Bank of England zu einer sofortigen Zinserhöhung zu bewegen. Die Notenbank könnte ihre Einschätzung des Inflationsausblicks jedoch überprüfen. Gardner verwies darauf, dass der Konflikt zwischen den USA und Iran bereits mehr als sechs Monate andauere und höhere Energiekosten weiterhin schrittweise in die Vorleistungspreise der Unternehmen und die Ausgaben der privaten Haushalte einflössen.
Shreyas Gopal, Devisenstratege bei der Deutschen Bank, sagte, die in dieser Woche veröffentlichten britischen Arbeitsmarkt- und Inflationsdaten hätten keine so große Überraschung enthalten, dass sie eindeutig für einen geldpolitisch strafferen Kurs sprächen. Daraufhin reduzierten die Märkte ihre Erwartungen an eine Zinserhöhung im September.
Eine Zinspause im September würde nicht bedeuten, dass der Inflationsdruck verschwunden ist. Im Mittelpunkt steht nun, ob die Bank of England im November handelt und ob Energiepreise sowie die Dienstleistungsinflation erhöht bleiben.
Für das Pfund Sterling, britische Gilts und andere zinssensitive Vermögenswerte wird die Bedeutung der Septembersitzung über die Frage eines unveränderten Leitzinses von 3,75 % hinausgehen. Marktteilnehmer werden auch darauf achten, wie die Bank die Inflationsrate von 3,1 % einordnet, ob sie Einzelheiten zu Verkäufen lang laufender Gilts nennt und wie sie den weiteren Verlauf möglicher Zinserhöhungen beschreibt.