
Vor dem Hintergrund eines „Überangebots" zeigt Rohöl eine starke Entwicklung. Laut Citi Research sollte ein derzeitiger Überschuss von etwa 2 Millionen Barrel pro Tag den Ölpreis eigentlich in eine niedrigere Spanne drücken. Doch eine Reihe von kurzfristigen Schocks führt dazu, dass der Markt ein höheres Risiko einpreist, wobei Brent zeitweise in die Nähe von 70 USD pro Barrel stieg und WTI ebenfalls zulegte.
Warum die "Arithmetik" von Angebot und Nachfrage nicht funktioniert: Überschuss bedeutet nicht sofort günstig
Citi argumentiert, dass die Beschreibung des „Überschusses" in der Angebots- und Nachfragebilanz den Jahres- oder Quartalsdurchschnitt darstellt, während die Preise oft von der kurzfristigen Angebotselastizität, den geopolitischen Risiken und dem Engpass am Spotmarkt bestimmt werden. Das bedeutet, dass auch wenn das gesamte Jahr durch einen Überschuss gekennzeichnet ist, die Ölpreise auf längere Sicht auf einem höheren Niveau bleiben können, solange es wiederholt Störungen auf dem Spotmarkt gibt.
Drei treibende Kräfte auf der Angebotsseite: Tengiz-Ausfall, Kältewelle, Beschränkungen bei russischem Öl
Die erste treibende Kraft kommt aus Kasachstan. Das Tengiz-Ölfeld pausierte die Produktion wegen eines Brands und anderer Zwischenfälle, was die Erwartung einer Angebotsverknappung im Brent-System verstärkt. Die Unsicherheit über die Dauer des Produktionsstopps erhöht auch die Sensibilität des Marktes für kurzzeitige Engpässe.
Der zweite Schub kommt von extremen Wetterbedingungen in den USA. Der Wintersturm Fern beeinträchtigte die Öl- und Gasproduktion sowie die Logistik, und die Produktion sank in Spitzenzeiten deutlich. Selbst nach einer schrittweisen Erholung schätzten Beratungsunternehmen, dass die US-Rohölproduktion Ende Januar immer noch auf einem niedrigen Niveau lief, was die kurzfristige Angebotselastizität einschränkte.
Die dritte treibende Kraft sind marginale Auswirkungen von Handels- und Sanktionskonflikten. Citi erwähnt, dass die USA Druck auf einige Länder ausüben, die russisches Öl kaufen, was in der Praxis dazu führt, dass ein Teil des Angebots im Geschäfts- und Transportbereich "schwerer fließt", wodurch sich das Gefühl der Engpässe am Spotmarkt verstärkt.
Rückkehr der geopolitischen Prämie: Iran-Risiken werden in den Preis eingerechnet
Citi betont zugleich, dass der Markt für mögliche Szenarien eines US-iranischen Konflikts zahlt. Allein dieser Punkt könnte den Ölpreis um etwa 3–4 USD pro Barrel durch eine geopolitische Prämie erhöhen. Der jüngste Anstieg der Ölpreise auf hohe Niveaus spiegelt auch die Besorgnis über mögliche Versorgungstörungen bei einer Eskalation der Lage wider.
Versteckte Variablen auf der Nachfrageseite: Chinas Lagerkäufe stabilisieren
Zu der Frage, warum die Ölpreise nicht in den Bereich von 40–50 USD zurückgekehrt sind, bietet Citi eine strukturellere Erklärung: Chinas anhaltende Käufe zur Lagerauffüllung sorgen für eine Stabilisierung der Nachfrage. Im Handelskontext führt diese Art der „Lagerauffüllungsnachfrage" nicht unmittelbar zu einem Konsumanstieg, beeinflusst jedoch den Preis, indem sie den Spotmarkt absorbiert und die verfügbaren Handelsbestände verengt.
Worauf der Markt als Nächstes achtet: Drei Linien bestimmen, ob die Stärke anhält
- Tempo der Tengiz-Wiederaufnahme und die Geschwindigkeit der Rückkehr des nordamerikanischen Wetters zur Normalität;
- Ob die Spannungen zwischen den USA und dem Iran weiter eskalieren, und ob die geopolitische Prämie weiter zunimmt;
- Bestands- und Spotstruktur (inklusive der Lagerkäufe Chinas), ob sie den „jährlichen Überschuss" weiterhin kompensieren kann.
Aus Sicht von Citi ist der Schlüssel für die Ölpreise nicht „ob Überschuss vorhanden ist", sondern ob kurzfristige Störungen häufig und lang genug sind, um die Risiko- und Spotmarktverknappung in einem höheren Gleichgewicht zu halten.
