S&P 500 nahe Rekordständen, aber ohne breite Unterstützung
Am 8. Oktober notierten US-Aktien weiterhin nahe ihren Rekordständen. Der Aufwärtstrend wurde jedoch nicht vom gesamten Markt getragen. Technologiewerte, insbesondere Profiteure der Investitionen in künstliche Intelligenz, stützten den S&P 500. Zugleich wählten Anleger genauer aus, wo sie ihr Kapital investierten.
Das Geld wechselte wiederholt zwischen den Sektoren. Finanzwerte rückten kurzzeitig stärker in den Fokus, konnten sich aber nicht dauerhaft an die Spitze setzen. Energieaktien blieben angesichts geopolitischer Entwicklungen und schwankender Ölpreise volatil. Auch Grundstoffe und Versorger versuchten eine Erholung, deren Dynamik teilweise rasch nachließ. Ende September und Anfang Oktober unterschied der Markt zunehmend zwischen Unternehmen mit überzeugenden langfristigen Perspektiven und Aktien, die aktuell anhaltende Käufe verzeichneten.
Diese Unterscheidung ist bei hohen Bewertungen wichtig. Auch ein Unternehmen mit guten langfristigen Aussichten kann kurzfristig weniger attraktiv sein, wenn der Aktienkurs bereits hohe Erwartungen widerspiegelt. Steigende Renditen von US-Staatsanleihen erhöhen den Druck zusätzlich: Sie verteuern Finanzierungen und machen Anleihen gegenüber Aktien attraktiver – besonders dann, wenn Aktienkurse bereits starkes künftiges Wachstum einpreisen. Am 7. Oktober gaben US-Aktien nach, als die Renditen anzogen.
Die bisherige Entwicklung liefert keinen eindeutigen Grund für eine generell pessimistische Einschätzung des Marktes. Sie spricht aber dafür, die Risiken einzelner Positionen stärker zu beachten und nicht nur darauf zu schauen, ob der S&P 500 weiter steigt.
Versorger-ETFs mit Zuflüssen, Finanzfonds mit Abflüssen
In der Woche bis zum 7. Oktober flossen netto rund 1,7 Milliarden US-Dollar in ETFs des Versorgersektors. Etwa 1,5 Milliarden Dollar davon entfielen auf den Utilities Select Sector SPDR Fund (XLU). Das ist bemerkenswert, da Versorger meist mit vergleichsweise stabilen Erträgen und Dividendeneinnahmen verbunden werden.
Die Nachfrage muss jedoch nicht allein auf eine defensive Ausrichtung zurückgehen. Mit dem Ausbau von Rechenzentren für künstliche Intelligenz könnte auch der Strombedarf steigen. Das lenkt den Blick auf bestimmte Energieerzeuger. Versorgeraktien legten am 6. Oktober zu; Constellation Energy erhielt Unterstützung, nachdem das Unternehmen eine bedeutende Stromvereinbarung mit Alphabet geschlossen hatte.
Damit könnten zwei Anlegergruppen in Versorger investieren: jene, die auf vergleichsweise stabile Unternehmen und Dividenden setzen, und jene, die vom steigenden Strombedarf profitieren wollen. Die Zuflüsse garantieren keine Fortsetzung der Kursgewinne. Sollten die Renditen von US-Staatsanleihen weiter steigen, könnten auch Versorger wegen ihrer hohen Bewertungen unter Druck geraten.
Auch Industrie-ETFs verzeichneten eine stärkere Nachfrage, insbesondere der Industrial Select Sector SPDR Fund (XLI). Hält der Trend an, könnte sich die Marktteilnahme über große Technologieunternehmen hinaus auf konjunktursensiblere Bereiche ausweiten. Die bisherigen Zuflüsse reichen allerdings noch nicht aus, um von einer dauerhaften Führungsrolle der Industrieaktien zu sprechen.
Immobilienaktien fanden ebenfalls wieder Käufer, obwohl die Finanzierungskosten hoch blieben. Einige Anleger könnten auf eine Erholung der Bewertungen setzen. Diese Einschätzung würde jedoch stärker auf die Probe gestellt, wenn die Renditen weiter steigen. Dass ein Sektor nicht mehr massiv verkauft wird, bedeutet nicht automatisch, dass sich seine Fundamentaldaten verbessern.
Bei ETFs auf Finanzwerte zeigte sich das umgekehrte Bild: In der Woche gab es Nettoabflüsse von rund 1,3 Milliarden Dollar. Das fällt auch deshalb ins Gewicht, weil mehrere große US-Banken für den 13. und 14. Oktober ihre Zahlen angekündigt hatten. ETF-Abflüsse messen, wie viel Geld die erfassten Fonds verlassen; sie belegen nicht, dass institutionelle Anleger sämtliche Finanzaktien verkaufen. Sie zeigen aber, dass Investoren der Berichtssaison der Banken vorsichtiger als optimistisch entgegensahen.
Sollten die Banken die eher gedämpften Erwartungen übertreffen, könnten Finanzaktien positiv reagieren. Ob es dazu kommt, hängt von den anstehenden Geschäftszahlen und den Aussagen der Unternehmensleitungen zum weiteren Verlauf ab.
Erste Reaktionen auf Geschäftszahlen überwiegend negativ
Sektorströme zeigen, wohin Anleger zuletzt Geld bewegt haben. Kursreaktionen nach Geschäftszahlen geben dagegen Aufschluss darüber, wie der Markt neue Informationen bewertet. Eine erste Auswertung von 15 Aktienreaktionen gegen 12:02 Uhr am 8. Oktober ergab: Vier Aktien lagen im Plus, zehn im Minus und eine veränderte sich kaum. Positive Reaktionen machten damit rund 27 Prozent der Gruppe aus.
Bei mehreren Verlierern fiel der Kurs deutlich stärker, als es die Optionsmärkte vor den Zahlen signalisiert hatten. AngioDynamics (ANGO) verlor rund 21 Prozent; die aus Optionen abgeleitete erwartete Bewegung im Zusammenhang mit den Geschäftszahlen hatte bei etwa 11 Prozent gelegen. Resources Connection (RGP) gab rund 18 Prozent nach, gegenüber einer erwarteten Bewegung von etwa 6,5 Prozent.
Eine aus Optionspreisen vor einem Ereignis abgeleitete erwartete Kursbewegung ist weder eine Obergrenze noch eine feste Prognose für die spätere Volatilität. Fällt eine Aktie deutlich stärker, kann das darauf hindeuten, dass der Markt das Geschäft oder die Bewertung des Unternehmens stärker neu beurteilt hat als erwartet.
Auch Applied Digital (APLD), Levi Strauss (LEVI) und Resources Connection verloren nach ihren ersten Reaktionen im nachbörslichen Handel weiter an Wert. Die erste Kursbewegung unmittelbar nach einer Veröffentlichung bildet also nicht immer das abschließende Urteil des Marktes ab. Die Zahlen sind lediglich eine Momentaufnahme: Die Stichprobe ist klein, die Beobachtungszeiträume sind nicht vollständig einheitlich und die Auswertung ist weder ein vollständiges Bild der Berichtssaison noch repräsentativ für den Gesamtmarkt.
Das Muster wirft dennoch eine Frage auf: Verkaufen Anleger enttäuschende Ergebnisse schneller, während sie gute Zahlen weniger honorieren? Sollte sich das bei einer größeren Zahl von Unternehmen zeigen, wäre es aussagekräftiger als die Kursbewegung eines einzelnen Tages.
Gewichtung nach Marktkapitalisierung kann Schwäche verdecken
Obwohl in der untersuchten Gruppe mehr Aktien fielen als stiegen, lag die aggregierte Kursreaktion auf Basis der Marktkapitalisierung bei etwa 0,8 Prozent im Plus. Ausschlaggebend war PepsiCo (PEP). Bei der untertägigen Auswertung am 8. Oktober notierte die Aktie rund 1,2 Prozent höher und machte etwa 90 Prozent des gesamten Börsenwerts der Gruppe aus.
Der Kursgewinn eines einzigen großen Unternehmens reichte damit aus, um die Verluste mehrerer kleinerer Firmen auszugleichen. Ohne PepsiCo hätte die übrige Gruppe zusammengenommen im Minus gelegen.
Daraus folgt nicht, dass PepsiCo den S&P 500 künstlich gestützt hätte – die Stichprobe ist viel zu klein für eine solche Aussage. Das Beispiel zeigt aber, warum ein Index steigen kann, obwohl die Mehrheit seiner Mitglieder fällt: Einige sehr große Unternehmen können den Index nach oben ziehen, wenn ihre Wertentwicklung stark genug ist.
Anleger sollten daher zwei Fragen auseinanderhalten: Steigt der Index, und wie viele Unternehmen tragen diesen Anstieg mit? Eine Rally, an der mehr Branchen und Unternehmen beteiligt sind, ist anders anfällig als ein Anstieg, der von wenigen Großkonzernen abhängt. Keine der beiden Konstellationen sagt allein den nächsten Kursverlauf voraus. Die Marktbreite kann aber Hinweise darauf geben, wie verwundbar ein Index wäre, sollten seine größten Zugpferde die Erwartungen verfehlen.
Hohe Gewinnschätzungen erhöhen die Messlatte
FactSet prognostizierte in einer Vorschau vom 2. Oktober, dass die Gewinne der S&P-500-Unternehmen im dritten Quartal gegenüber dem Vorjahreszeitraum um rund 29,5 Prozent steigen würden. Im Verlauf des Zeitraums hatten Analysten ihre Schätzungen für das Quartal angehoben, statt sie wiederholt zu senken, wie es in manchen Berichtssaisons häufig vorkommt. Technologie und Investitionen in künstliche Intelligenz trugen wesentlich zum Optimismus bei; Unterstützung kam auch aus anderen Branchen.
Je höher die Erwartungen, desto empfindlicher können Aktien auf Ergebnisse reagieren, die hinter dem bereits eingepreisten Niveau zurückbleiben. Ein Unternehmen kann kräftig wachsen und zugleich die veröffentlichte Konsensschätzung übertreffen – und trotzdem an der Börse verlieren.
Ein vereinfachtes Beispiel: Ein Unternehmen erzielte im Vorjahr einen Gewinn von 1 Dollar je Aktie. Analysten erwarten für dieses Jahr 1,30 Dollar, tatsächlich meldet die Firma 1,35 Dollar. Gemessen am Konsens wäre das ein Übertreffen. Ist der Aktienkurs jedoch bereits gestiegen, weil Anleger effektiv mit mindestens 1,40 Dollar gerechnet haben, reicht das Ergebnis womöglich nicht aus, um die Bewertung zu stützen. Einige Investoren könnten dann Gewinne mitnehmen.
Besonders relevant ist diese Dynamik bei hoch bewerteten Technologie- und KI-Unternehmen, bei denen ein Teil des erwarteten künftigen Erfolgs bereits im Kurs stecken könnte. Der Markt beurteilt nicht nur, ob die Gewinne wachsen, sondern auch, ob das Wachstum den gezahlten Preis rechtfertigt.
Großbanken stehen am 13. und 14. Oktober im Fokus
Die nächste Runde der Bankenzahlen dürfte zeigen, ob die jüngste Schwäche des Finanzsektors auf nachlassende Fundamentaldaten oder auf übermäßige Vorsicht zurückgeht.
Für den 13. Oktober waren die Ergebnisse von JPMorgan Chase (JPM), Wells Fargo (WFC), Citigroup (C) und Goldman Sachs (GS) angekündigt. Johnson & Johnson (JNJ) und UnitedHealth Group (UNH) sollten ebenfalls wichtige Hinweise für den Gesundheitssektor liefern. Am 14. Oktober wollten Bank of America (BAC) und Morgan Stanley (MS) ihre Zahlen vorlegen und damit den Blick auf die Finanzbranche fortsetzen.
Bei Banken richten Anleger den Blick nicht nur auf den Gewinn je Aktie. Kreditnachfrage, Kreditqualität, Einlagenkosten, Nettozinsmargen, Handelserträge und das Geschäft im Investmentbanking können ebenfalls die Kursreaktion beeinflussen. Höhere Zinsen führen nicht automatisch zu höheren Bankgewinnen: Banken können an manchen Krediten mehr verdienen, zugleich aber mit höheren Finanzierungskosten, schwächerer Kreditnachfrage oder steigenden Kreditausfällen konfrontiert sein.
Hält der Druck auf Finanzaktien an, wäre das auch dann bemerkenswert, wenn Analysten weiterhin ein kräftiges Gewinnwachstum für die Branche erwarten. Werden die Zahlen mehrerer Großbanken vom Markt positiv aufgenommen und halten die Kursgewinne länger als eine Handelssitzung an, könnte das die jüngste Schwäche des Sektors infrage stellen. Enttäuschende Ausblicke bei anhaltenden Verkäufen wären ein deutlicherer Hinweis darauf, dass Anleger Risiken bei Finanzunternehmen neu bewerten.
Auch die Zahlen aus dem Gesundheitssektor sind relevant. Die Ergebnisse von Johnson & Johnson und UnitedHealth könnten zeigen, ob Anleger auch außerhalb der führenden Technologiewerte nachhaltig zugreifen.
Gewinnreaktionen, Marktbreite und Anleiherenditen im Blick
Fallen die Reaktionen auf Bankenzahlen positiv aus, steigt die Nachfrage nach Industrie-ETFs weiter und beteiligen sich mehr Unternehmen am Aufschwung, könnte die Rotation auf eine breitere Marktteilnahme hindeuten. Anleger würden sich dann möglicherweise stärker Unternehmen mit anderen Bewertungen und Geschäftsmodellen zuwenden, statt weiter auf die gefragtesten Technologiewerte zu setzen. Entscheidend wäre, ob die Gewinne nach den Zahlen Bestand haben.
Überwiegen dagegen negative Reaktionen auf Geschäftszahlen, bleiben die Bankenausblicke hinter den Erwartungen zurück und verlieren sowohl die großen Indizes als auch die Marktbreite an Stärke, müssten Anleger die Konzentration in hoch bewerteten Positionen, die Diversifizierung und die Belastbarkeit ihrer Portfolios gegenüber weiteren Rückgängen neu beurteilen. Auch defensive Sektoren wie Versorger und Immobilien sind bei steigenden Anleiherenditen kein automatischer Schutz.
Eine weitere Möglichkeit ist, bis zu zusätzlichen Geschäftszahlen flexibel zu bleiben. Ein höherer Kassenbestand verringert kurzfristig das Risiko durch Kursschwankungen und lässt Spielraum für Anpassungen nach neuen Informationen, bringt aber Opportunitätskosten mit sich. Liefern Unternehmen insgesamt starke Ergebnisse und steigen Aktien weiter, könnten Anleger, die auf einen Rücksetzer warten, weitere Gewinne verpassen. Für langfristig orientierte Investoren können Unternehmen mit dauerhaften Wettbewerbsvorteilen und moderateren Bewertungen wichtiger sein als die Reaktion auf jede kurzfristige Sektorrotation. Aktive Händler können aus der ersten Reaktion auf Geschäftszahlen, der anschließenden Kursentwicklung und der relativen Entwicklung gegenüber dem jeweiligen Sektor kurzfristige Hinweise gewinnen.
In den kommenden Handelssitzungen stehen drei Fragen im Vordergrund. Erstens die Breite der Gewinnreaktionen: Werden positive Reaktionen häufiger, oder geraten Unternehmen trotz scheinbar solider Ergebnisse weiter deutlich unter Druck? Zweitens die Beteiligung der Sektoren: Können Versorger und Industrie ihre Erholung halten, und erholen sich Finanzaktien nach den Zahlen der Großbanken? Drittens das Zusammenspiel von Renditen der US-Staatsanleihen und großen Aktienindizes, denn steigende Renditen beeinflussen sowohl Bewertungen als auch Finanzierungskonditionen.
Die vorliegenden Daten belegen nicht, dass ein deutlicher Rückgang der US-Aktien unmittelbar bevorsteht. Sie zeigen einen Markt mit hohen Gewinnerwartungen, einer konzentrierten Führungsgruppe, wechselnden Präferenzen zwischen Sektoren und teils scharfen Reaktionen auf enttäuschende Zahlen. Entscheidend ist nicht nur, ob Unternehmen gute Ergebnisse vorlegen, sondern auch, wie viele davon mit ihren Zahlen anhaltende Käufe auslösen.