Banken im Euroraum kamen im dritten Quartal so schwer an Kundeneinlagen wie seit Beginn der EZB-Umfrage 2011 nicht mehr. Gleichzeitig berichteten mehr Unternehmen von gestiegenen Bankkreditzinsen. Die Daten geben einen Einblick in Finanzierungsbedingungen und Kreditkosten vor dem Zinsentscheid der EZB am 29. Oktober. Die Zentralbank stufte die Verschlechterung beim Zugang zu Kundeneinlagen allerdings als „mild“ ein.
Netto 9 % der Banken melden schlechteren Zugang zu Einlagen
Laut der am 27. Oktober veröffentlichten Umfrage zum Kreditgeschäft meldeten netto 9 % der Banken im dritten Quartal einen schlechteren Zugang zu Kundeneinlagen. Im zweiten Quartal hatte der Wert bei 3 % gelegen. Die Nettozahl ergibt sich aus dem Anteil der Banken mit einer Verschlechterung abzüglich jenes mit einer Verbesserung. Sie bedeutet nicht, dass alle Banken gleichermaßen betroffen waren.
Als wichtigsten Grund für restriktivere Konditionen bei Unternehmenskrediten nannten die Banken höhere Zinsen. Auch Finanzierungskosten und Bilanzbeschränkungen spielten eine Rolle. Strengere Kreditstandards gingen dagegen vor allem auf veränderte Risikoeinschätzungen und eine geringere Risikobereitschaft zurück. Finanzierungsengpässe wirkten sich insgesamt weitgehend neutral auf die Bewilligungsstandards aus. Damit zeigen sich unterschiedliche Ursachen für den Zugang zu Finanzierung, die Kreditpreise und die Kreditvergabe.
Mehr Unternehmen zahlen höhere Kreditzinsen
In ihrer am 26. Oktober veröffentlichten Umfrage zur Unternehmensfinanzierung stellte die EZB fest, dass netto 46 % der befragten Unternehmen höhere Bankkreditzinsen meldeten. In der vorherigen Befragungsrunde waren es 42 %. Erfasst wurden Unternehmen, die einen Bankkredit oder eine Kreditlinie beantragt beziehungsweise einen Kontokorrentkredit oder eine Kreditkartenüberziehung genutzt hatten. Die Kennzahl entspricht dem Anteil der Unternehmen mit gestiegenen Zinsen abzüglich des Anteils mit gesunkenen Zinsen.
Die Zusammensetzung der jüngsten Stichprobe veränderte sich deutlich: Die Mehrheit der Teilnehmer nahm erstmals an der Umfrage teil. Auch die Bezugszeiträume unterschieden sich. Rund die Hälfte der Unternehmen beantwortete Fragen für Juli bis September, die übrigen für April bis September. Das erschwert laut EZB den Vergleich zwischen den Befragungsrunden, insbesondere bei den Erwartungen für die weitere Entwicklung.
Geldmenge und Kreditbestände wachsen weiter
Die angespannteren Finanzierungsbedingungen haben bislang nicht zu einem Rückgang der ausstehenden Geld- oder Kreditbestände geführt. Daten der EZB vom 27. Oktober zeigen, dass die breite Geldmenge im September gegenüber dem Vorjahr um 3,5 % zunahm. Das bereinigte jährliche Wachstum der Kredite an Unternehmen und private Haushalte lag bei 4,2 % beziehungsweise 3,1 % und damit auf dem Niveau des Augusts. Die ausstehenden Bestände können weiter wachsen, auch wenn neue Kredite teurer werden oder schwerer zu erhalten sind.
Für die Einordnung ist der Unterschied wichtig: Das Kreditwachstum misst die Veränderung des bestehenden Kreditbestands. Der Zugang zu Finanzierungen bildet dagegen unmittelbarer die aktuellen Bedingungen für Banken und Kreditnehmer ab. Dass mehr Unternehmen von höheren Kreditzinsen berichten, rückt die Finanzierungskosten zusätzlich in den Fokus.
Mögliche Auswirkungen auf Bitcoin hängen vom Finanzierungskanal ab
Veränderte Kreditkosten könnten die Nachfrage nach Bitcoin beeinflussen, wenn sie den Zugang von Anlegern zu Krediten oder deren Risikobereitschaft verändern. Das ist ein möglicher Übertragungskanal, aber kein Ergebnis, das die EZB-Umfragen messen. Wenn höhere Finanzierungskosten dazu führen, dass Anleger weniger Geld leihen oder weniger Kapital riskieren, könnte die Nachfrage nach Risikoanlagen nachlassen. Bleibt die Dollarfinanzierung stabil und hält die Bitcoin-Nachfrage an, wären Übertragungen regionaler Finanzierungsprobleme auf Kryptomärkte begrenzt.
Ein Arbeitspapier des Internationalen Währungsfonds aus dem Jahr 2023 kam zu dem Ergebnis, dass die geldpolitische Straffung der US-Notenbank über die Risikobereitschaft von Anlegern einen gemeinsamen Faktor für Kryptopreise beeinflusste. Eine Übertragung dieses Befunds auf den Zusammenhang zwischen europäischen Finanzierungskosten und Kryptomärkten bleibt eine Schlussfolgerung, nicht das Ergebnis der EZB-Bankenbefragung. Der nächste anstehende geldpolitische Termin ist der Zinsentscheid der EZB am 29. Oktober um 14:15 Uhr mitteleuropäischer Zeit.