Canva stellt seine Organisation neu auf: 1.271 Beschäftigte, rund 22 Prozent der Belegschaft, sind von Rollenwechseln, möglichen Umzügen oder einem Ausscheiden aus dem Unternehmen betroffen. CEO und Mitgründerin Melanie Perkins begründete den Schritt mit dem erstmals seit zehn Jahren nachlassenden Wachstum. Die Neuordnung soll Canva auf die nächste Unternehmensphase ausrichten – in einem Umfeld, in dem auch der Wettbewerb durch generative KI zunimmt.
Schwächeres Wachstum und neue KI-Konkurrenz
Canva hat seine Wachstumserwartungen bereits zurückgenommen. Im August senkte das Unternehmen die Prognose für das Umsatzwachstum 2026 von 30 auf 20 Prozent. Perkins bezeichnete das laufende Jahr als das „bislang schwierigste Jahr“ für Canva. Das Wachstum habe sich zum ersten Mal seit einem Jahrzehnt verlangsamt.
Zugleich wächst der Wettbewerb durch neue KI-Werkzeuge, darunter Bildgenerierungsmodelle von OpenAI und Google. Die Technologie verändere, wie Nutzer Inhalte erstellen und welche Erwartungen sie an Produkte hätten, sagte Perkins. Nach Prüfung verschiedener Möglichkeiten sei Canva zu dem Schluss gekommen, dass schrittweise Anpassungen für die nächste Entwicklungsphase nicht ausreichten. Deshalb habe sich das Unternehmen für einen umfassenderen Umbau entschieden.
Canva wurde vor 13 Jahren gegründet. Heute nutzen nach Angaben von Perkins Hunderte Millionen Menschen die Plattform. Entscheidungen über einzelne Stellen seien kein Urteil über die Fähigkeiten, das Engagement oder die bisherigen Beiträge der Beschäftigten, betonte sie. Maßgeblich seien vielmehr die künftigen Ziele des Unternehmens, die Organisationsstruktur, benötigte Kompetenzen und Bürostandorte.
Produkt, Wachstum und Plattform unter einer Führung
Die Neuordnung umfasst drei zentrale Maßnahmen. Erstens führt Canva seine Produkt-, Wachstums- und Plattformteams in einer gemeinsamen Produktorganisation zusammen. Bislang hätten Verbesserungen an Produkten häufig Abstimmungen und Übergaben zwischen mehreren Bereichen erfordert. Das habe es erschwert, komplexe Probleme zu lösen. Die neue Struktur soll Zuständigkeiten klarer regeln, den Teams mehr Eigenständigkeit geben und den Koordinationsaufwand verringern.
Zweitens will Canva eng zugeschnittene Spezialistenrollen reduzieren, sich überschneidende Aufgaben bündeln und Führungsebenen vereinfachen. Die Zahl der Fachgebiete habe stetig zugenommen, sagte Perkins. Das habe zwar Expertise aufgebaut, zugleich aber Verantwortung auf mehrere Gruppen verteilt. Dadurch sei es schwieriger geworden, ein Vorhaben von Anfang bis Ende in einer Hand zu halten. Einige spezialisierte Stellen sollen deshalb in breiter angelegte Rollen übergehen.
Drittens will Canva die persönliche Zusammenarbeit stärken und mehr Teams an zentralen Standorten zusammenführen. Sydney soll für weitere Produktteams zum Hauptstandort werden; auch andere Bereiche mit engem Abstimmungsbedarf könnten dort angesiedelt werden. Das Unternehmen will weiterhin weltweit Beschäftigte haben. Einige Mitarbeiter sollen jedoch einen Umzug erwägen; Canva kündigte Unterstützung während dieses Prozesses an.
Ab Januar sollen die meisten Beschäftigten mit hybriden Arbeitsmodellen voraussichtlich etwa zwei bis drei Tage pro Woche im Büro arbeiten. Die konkrete Ausgestaltung hängt laut Canva von den jeweiligen lokalen Bedingungen ab.
Mindestens sechs Monatsgehälter für ausscheidende Beschäftigte
Für Mitarbeiter, die das Unternehmen verlassen, sieht das Unterstützungspaket mindestens sechs Monatsgehälter einschließlich gesetzlicher Ansprüche vor. Beschäftigten mit weniger als einem Jahr Betriebszugehörigkeit erlässt Canva die Wartefrist von einem Jahr für den Erwerb von Aktienanteilen.
In Ländern, in denen die entsprechenden Leistungen derzeit angeboten werden, erhalten Ausscheidende zudem zwölf Monate lang Krankenversicherungsschutz und behalten für denselben Zeitraum Zugang zu Canva Care, dem Unterstützungsprogramm für Beschäftigte. Auch Familienangehörige können das Programm nutzen.
Zur beruflichen Neuorientierung gehören Einzelcoachings, Vorbereitung auf Bewerbungsgespräche und ein Jahr LinkedIn Premium. Das Talent-Acquisition-Team von Canva soll bei der Überarbeitung von Lebensläufen und beim Üben von Vorstellungsgesprächen helfen. Außerdem will das Unternehmen ein Verzeichnis ehemaliger Beschäftigter einrichten, in das diese sich freiwillig aufnehmen lassen können. Canva will ausscheidende Mitarbeiter zudem Investoren, Partnern und Kontakten aus der Branche empfehlen.
Die Beschäftigten dürfen ihre MacBooks behalten. Darüber hinaus legt Canva den Canva Collective Fund auf: Ehemalige Mitarbeiter, die ein Unternehmen gründen oder ein Gemeinschaftsprojekt starten möchten, können jeweils 10.000 US-Dollar beantragen. Ihr Interesse müssen sie bis zum 14. Dezember anmelden. Canva erhält dafür weder Anteile noch Eigentumsrechte an den Projekten.
Abläufe in 37 Ländern richten sich nach lokalen Vorgaben
Canva beschäftigt Teams in 37 Ländern. Die Kommunikation mit den Mitarbeitern und die Verfahren beim Ausscheiden richten sich daher nach den jeweiligen lokalen Anforderungen; Zeitplan und Ablauf können unterschiedlich sein. Betroffene Beschäftigte sollen einzeln mit Führungskräften aus ihren Bereichen über die nächsten Schritte und verfügbare Unterstützung sprechen. Wer das Unternehmen verlässt, behält bis zum Ende dieser Woche Zugriff auf Slack und Gmail, um sich von Kollegen verabschieden zu können.
Für den 10. November ist eine unternehmensweite Versammlung geplant, bei der Canva die Änderungen erläutern und Fragen beantworten will. Treffen der einzelnen Organisationseinheiten sollen nach dem 11. November folgen. Perkins kündigte an, in dieser Woche nicht notwendige Besprechungen abzusagen und Beschäftigten bei Bedarf Zeit zu geben, die Nachricht zu verarbeiten.
Kurzfristig muss Canva die Veränderungen in seiner Belegschaft umsetzen. Zugleich wird sich zeigen, ob die gebündelten Teams das revidierte Wachstumsziel von 20 Prozent für 2026 unterstützen können.