Anthropic bereitet einen möglichen Börsengang vor, doch Anleger setzen inzwischen niedrigere Bewertungsmaßstäbe an: Statt 2 Billionen Dollar stehen nun 1,5 Billionen Dollar im Raum. Nach dem Ausverkauf am 5. November, bei dem der Nasdaq 5,5 Prozent verlor und Nvidia um mehr als 9 Prozent nachgab, rücken Wachstumstempo und die hohen Kosten für Rechenleistung und Infrastruktur stärker in den Fokus. Die Preisfindung beim IPO dürfte zeigen, welchen Aufschlag Investoren für die Wachstumsaussichten von KI-Unternehmen noch zu zahlen bereit sind – auch angesichts strengerer Regulierung und hoher Investitionen.
Umsatz wächst stark, Dynamik und Profitabilität lassen nach
Anthropic, das Unternehmen hinter Claude, erzielte in den ersten neun Monaten des Jahres 2026 einen Umsatz von 33,2 Milliarden Dollar. Das entspricht etwa dem 13-Fachen des Vorjahreswerts für denselben Zeitraum. Zugleich verlangsamte sich das Umsatzwachstum im Quartalsvergleich laut BloFin Research von 144 auf 47 Prozent. Beim Betriebsergebnis wechselte Anthropic im selben Zeitraum von einem Gewinn von 974 Millionen Dollar zu einem Verlust von 567 Millionen Dollar.
Die Zahlen zeigen ein schnell wachsendes Geschäft, aber auch nachlassende Dynamik und zunehmenden Druck auf die Profitabilität. Vor einem Börsengang müssen Investoren einschätzen, ob Anthropic den Umsatz weiter steigern und auf Dauer seine hohen Betriebs- und Infrastrukturkosten decken kann.
Infrastrukturzusagen von fast 895 Milliarden Dollar
Anthropic hat über einen längeren Zeitraum Zusagen für Rechenkapazität und Infrastruktur von insgesamt fast 895 Milliarden Dollar gemacht. BloFin Research schätzt, dass mindestens 269 Milliarden Dollar davon auf Rechenleistungen großer Cloud-Anbieter entfallen. Amazon, Google und Microsoft stellen einen erheblichen Teil der benötigten Infrastruktur bereit; Nvidia profitiert von der breiteren Nachfrage nach KI-Rechenleistung. Änderungen bei den Erwartungen an die KI-Ausgaben könnten daher auch über Anthropic hinaus Folgen haben.
Die Zusagen lenken den Blick auf künftige Kosten und den Finanzierungsbedarf des Unternehmens. Sollten die Umsätze hinter den Erwartungen zurückbleiben, könnte der Umfang der Infrastrukturvereinbarungen die Verbesserung der Profitabilität erschweren. Angaben zum Zahlungsplan oder zu sämtlichen Vertragsbedingungen liegen nicht vor.
IPO-Preis und Umsatzziele noch offen
Die derzeit diskutierte Bewertung von 1,5 Billionen Dollar liegt unter der früheren Erwartung von 2 Billionen. Mögliche Investoren sprechen demnach über eine Spanne von 1,2 bis 1,3 Billionen Dollar; einige ziehen auch 1,1 Billionen Dollar in Betracht. Die auseinandergehenden Einschätzungen machen deutlich, dass die Preisfindung vor einer möglichen Börsennotierung ungeklärt ist.
Bei einer Bewertung von 1,5 Billionen Dollar ergäbe sich auf Basis des zuletzt erzielten Quartalsumsatzes, auf ein Jahr hochgerechnet, ein Kurs-Umsatz-Verhältnis von etwa 22. Nach Einschätzung von BloFin Research setzt diese Bewertung voraus, dass Anthropic sein Wachstum aufrechterhält und seine operative Marge schrittweise verbessert. Das Unternehmen erwartet für 2028 einen Jahresumsatz von 190 bis 200 Milliarden Dollar. Wird dieses Ziel erreicht, könnte das die aktuelle Bewertung stützen; bislang handelt es sich jedoch um eine Prognose.
Börsengang als Prüfstein für die KI-Bewertung
Vor einem möglichen IPO wägen Anleger ab, ob das Umsatzwachstum eine hohe Bewertung rechtfertigt, ob die Erträge mit den Kosten für Rechenleistung Schritt halten können und ob der Angebotspreis die vorsichtigere Einschätzung der Ausgaben für KI-Infrastruktur widerspiegelt. Die Kursverluste im Nasdaq und bei Nvidia am 5. November verdeutlichten, wie empfindlich Technologiewerte auf diese Fragen reagieren.
Anthropics Börsengang könnte zu einem wichtigen Vergleichsmaßstab für die Bewertung des KI-Booms an der Wall Street werden. Im Mittelpunkt stehen bislang 33,2 Milliarden Dollar Umsatz in den ersten neun Monaten, ein auf 47 Prozent verlangsamtes Quartalswachstum, der Wechsel in die operative Verlustzone und Infrastrukturzusagen von fast 895 Milliarden Dollar. Der endgültige Ausgabepreis und die Frage, ob Anthropic seine Wachstumsziele erreicht, bleiben offen.