Lieferausfälle und steigende Preise im Zusammenhang mit dem Iran-Krieg veranlassen Regierungen, ihre energiepolitischen Prioritäten neu zu bewerten. Neben den Klimazielen zählt stärker, ob Brennstoffe kontinuierlich verfügbar sind, Strom die Verbraucher erreicht und die Kosten tragbar bleiben. Das bedeutet weder, dass die Energiewende ins Stocken geraten ist, noch, dass fossile Energieträger sich durchgesetzt haben. Es zeigt vielmehr eine praktische Grenze: Fehlt Energie dort oder dann, wo sie gebraucht wird, geraten politische Ziele unter wirtschaftlichen und politischen Druck.
Golfstaaten bauen Alternativen zur Straße von Hormus aus
Vor dem Krieg wurde rund ein Fünftel des weltweiten Öl- und Flüssigerdgas-Handels durch die Straße von Hormus transportiert. Eine Bedrohung der Meerenge kann verhindern, dass verfügbare Lieferungen die Verbraucher erreichen. Die Golfstaaten setzen deshalb stärker auf alternative Transportwege.
Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate erweitern Pipelines und andere Infrastruktur, um mehr Öl zu Häfen außerhalb des Persischen Golfs zu bringen. HSBC-Konzernchef Georges Elhedery erklärte, Investitionen in alternative Routen könnten die Abhängigkeit der Öllieferungen von der Straße von Hormus innerhalb von fünf Jahren deutlich verringern. Bei LNG ist eine schnelle Umstellung schwieriger: Der praktische Nutzen anderer Routen bleibt durch verfügbare Schiffe und Infrastruktur begrenzt.
Saudi-Arabien baut zudem seine Lagerkapazitäten aus. Am 26. Oktober kündigten Saudi-Arabien und Singapur Pläne für die Lagerung von Rohöl in den Jurong Rock Caverns in Singapur an. Der Betrieb soll in der zweiten Jahreshälfte 2027 beginnen. Das Vorhaben soll Singapurs Energiesicherheit stärken und Saudi-Arabiens Widerstandsfähigkeit erhöhen, falls Lieferketten in Südostasien gestört werden. Im Mittelpunkt steht nicht eine höhere Produktion, sondern die verlässlichere Lieferung bereits geförderten Öls an den Markt.
QatarEnergy sichert US-LNG, Kanada erweitert Pazifikangebot
Bei LNG zeigt sich besonders deutlich, wie stark die Geografie die Energiesicherheit prägt. Katar gehört zu den weltweit führenden LNG-Lieferanten, doch fast alle Exporte des Landes passieren die Straße von Hormus. Anders als Rohöl lässt sich Flüssigerdgas nicht einfach über bestehende Ölpipelines umleiten. Ein alternatives Exportsystem würde erfordern, große Gasmengen an andere Orte zu transportieren und dort kostspielige Verflüssigungs- und Exportanlagen zu errichten.
QatarEnergy sichert sich nun langfristige US-LNG-Lieferungen. Im Rahmen einer diese Woche bekannt gegebenen Vereinbarung über 20 Jahre will das Unternehmen jährlich bis zu 3 Millionen Tonnen aus dem Louisiana-LNG-Projekt von Woodside Energy beziehen. Die Lieferungen sollen 2030 beginnen; QatarEnergy zählt zu den größten Abnehmern des Projekts. Exportterminals an der US-Golfküste können Kunden im Atlantikbecken versorgen, ohne dass die Transporte durch Hormus führen. Nordamerika verfügt außerdem über ein weitreichendes Netz aus Pipelines, Speichern und Fördergebieten. Auch US-Lieferungen können unterbrochen werden, bieten Käufern aber eine bedeutende Bezugsquelle außerhalb des Persischen Golfs.
Auch Kanada erweitert die Versorgungsoptionen für Asien. Die zweite Ausbaustufe des Canada-LNG-Projekts wurde im September genehmigt. Damit soll die Jahreskapazität der Anlage in Kitimat in der Provinz British Columbia von 14 Millionen auf 28 Millionen Tonnen steigen. Durch seine Lage an der Pazifikküste bietet das Projekt asiatischen Abnehmern eine neue LNG-Quelle im großen Maßstab, die Hormus umgeht. Die Transportwege nach Asien sind zudem kürzer als bei Lieferungen von der US-Golfküste. Shell verwies bei seiner Entscheidung unter anderem auf die Diversifizierung der Versorgung und die Energiesicherheit.
Europäische Gaspreise steigen erneut über 100 Euro
Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine verringerte Europa seine Abhängigkeit von russischem Pipelinegas rasch und bezog mehr LNG aus den USA und anderen Ländern. Damit konnte die Region die damals befürchteten schweren Engpässe vermeiden, wurde aber stärker den Schwankungen auf dem globalen LNG-Markt ausgesetzt. Neue geopolitische Spannungen und Störungen bei Lieferungen aus dem Nahen Osten rücken diese Abhängigkeit erneut in den Fokus.
Ende Oktober stieg der europäische Referenzpreis für Gas erstmals seit 2022 über 100 Euro je Megawattstunde. Händler beobachteten mögliche Ausfälle bei LNG-Lieferungen aus dem Nahen Osten, kälteres Wetter und sinkende Lagerbestände. Europa hält an seinen Klimazielen fest. Heizkosten, Raffinerieproduktion, Strompreise und die Verfügbarkeit von Brennstoffen sind jedoch wieder zu unmittelbaren politischen Herausforderungen geworden.
Der Preisanstieg allein belegt nicht, dass die Energiewende gescheitert ist. Er unterstreicht aber, dass Versorgungssicherheit und die Widerstandsfähigkeit des Energiesystems neben der Senkung der Emissionen berücksichtigt werden müssen. Erneuerbare Energien, Übertragungsnetze, Speicher, diversifizierte Gaslieferungen und verlässliche Stromerzeugung erfüllen jeweils eine Funktion. Die Energieplanung muss diese Bausteine gemeinsam betrachten.
USA setzen auf Kernkraft und ein belastbares Stromnetz
Auch die Kernenergie spielt in der Debatte um Energiesicherheit wieder eine größere Rolle. Kernkraftwerke können kontinuierlich Strom erzeugen, ohne auf die laufende Lieferung importierter Brennstoffe angewiesen zu sein. Kosten, Atommüll und die Stilllegung alternder Reaktoren bleiben Herausforderungen. Der steigende Strombedarf und Versorgungsstörungen lenken jedoch erneut den Blick auf die verlässlich verfügbare Leistung der Kernkraft.
Am 27. Oktober kündigte das US-Energieministerium bedingte Kreditzusagen von bis zu 5 Milliarden US-Dollar für Projekte von Constellation Energy an. Damit sollen Kernkraftwerke in Illinois, Maryland und Pennsylvania modernisiert und ihre Leistung erhöht werden. Nach Angaben des Ministeriums könnten die Maßnahmen die Kapazität bestehender Anlagen um knapp 1,1 Gigawatt steigern. Gaskraftwerke können schwankende Stromquellen ergänzen, Batterien Energie zeitlich verschieben und Übertragungsleitungen Strom aus Regionen mit ausreichendem Angebot in Gebiete mit Engpässen bringen. Jede dieser Technologien adressiert einen anderen Aspekt der Versorgungssicherheit.
Der Strombedarf in den USA steigt nach Jahren mit nur geringem Wachstum wieder. Zu den Treibern zählen Rechenzentren, die Industrie, die Elektrifizierung und das Bevölkerungswachstum. Gleichzeitig stammt ein großer Teil der Übertragungsinfrastruktur aus Jahrzehnten, in denen Stromerzeugung und Verbrauch anders verteilt waren. Eine ausreichende Erzeugung allein garantiert daher nicht, dass Strom rechtzeitig in die am schnellsten wachsenden Regionen gelangt. Netzausbau und -modernisierung, Lastmanagement, dezentrale Erzeugung und Speicher gewinnen an Bedeutung.
Dezentrale Solaranlagen können zu bestimmten Zeiten die Abhängigkeit von zentralen Kraftwerken verringern. Batterien stellen während Nachfragespitzen Leistung bereit und können zur Stabilisierung des Netzes beitragen. Lastmanagement und virtuelle Kraftwerke können den Stromverbrauch vorübergehend anpassen und so den Bedarf an zusätzlicher Erzeugungskapazität senken. Alle diese Ansätze haben Grenzen. Zusammen können sie dem System jedoch mehr Spielraum geben, um Störungen abzufedern.
Energiewende stützt sich zunehmend auf mehrere Technologien
Der Iran-Krieg ist kein Beleg dafür, dass erneuerbare Energien aufgegeben werden sollten. Ebenso wenig ist damit gesagt, dass jedes Projekt für fossile Brennstoffe wirtschaftlich sinnvoll ist. Solar- und Windkraft, Batterien, Effizienzmaßnahmen, Kernenergie, Erdgas, Pipelines, LNG-Anlagen und Übertragungsnetze haben unterschiedliche Kosten und Einschränkungen. Deutlich wird vielmehr, dass eine einseitige Bevorzugung einzelner Technologien weder Lieferausfälle noch die Herausforderung einer zuverlässigen Stromversorgung lösen kann.
Regierungen können gleichzeitig erneuerbare Energien ausbauen, die Laufzeit einzelner Kernkraftwerke verlängern, Speicher ergänzen, Netze verstärken und Öl- und Gasrouten an gefährdeten Seewegen vorbei entwickeln. Reservekapazitäten und alternative Transportwege erfordern zusätzliche Investitionen. Fallen jedoch Pipelines aus, werden Schifffahrtsrouten gesperrt, Kraftwerke abgeschaltet oder Lieferungen durch Konflikte unterbrochen, kann fehlende Redundanz höhere wirtschaftliche Kosten verursachen. Die Energieereignisse des Jahres 2026 haben erneut gezeigt, dass die Widerstandsfähigkeit des Systems sowohl einen Preis als auch einen wirtschaftlichen Wert hat.
Von Transportplänen rund um die Straße von Hormus über die Diversifizierung von LNG bis zu europäischen Gaspreisen und Investitionen in US-Kernkraft und Stromnetze richtet sich die Aufmerksamkeit von Märkten und Politik zunehmend darauf, ob Energie zuverlässig bei den Verbrauchern ankommt. Ausreichende Ressourcen sind nur ein Teil der Gleichung: Transport, Speicherung, Erzeugung und Übertragung müssen im Bedarfsfall ebenfalls funktionieren.