Trotz anhaltender Handelsspannungen zwischen Kanada und den USA will die Royal Bank of Canada (RBC) ihr grenzüberschreitendes Geschäft weiter ausbauen. Vorstandschef Dave McKay verweist auf die enge wirtschaftliche Verflechtung beider Länder. Zugleich hat die Bank ihre Risikovorsorge erhöht und ihre Einnahmequellen breiter aufgestellt, um sich auf eine mögliche Verschlechterung der Handelsbeziehungen vorzubereiten. Für das Institut mit einer Bilanzsumme von 2,5 Billionen kanadischen Dollar sind die USA ein wichtiger Markt – und ein Risiko, das sorgfältig gesteuert werden muss.
RBC baut das Geschäft in Nordamerika aus
Ein Rückgang des Handels zwischen Kanada und den USA sei nicht zwangsläufig, sagte McKay. Die Geschäftsbeziehungen hätten beiden Ländern über viele Jahre genutzt. RBC hat kürzlich eine Sparte für globales Transaktionsbanking eingerichtet. Sie bündelt die digitalen Cash-Management-Plattformen der Bank in Kanada und den USA, damit Unternehmen ihre Geschäfte in Nordamerika einfacher abwickeln können. Zudem hat RBC Pipelineprojekte für Öl und Gas finanziert, die beide Länder verbinden.
Im Quartal bis zum 31. Juli erzielte das US-Geschäft von RBC einen Nettogewinn von 826 Millionen US-Dollar. Das entsprach rund 19 Prozent des gesamten Nettogewinns der Bank in diesem Zeitraum. Der Anteil macht das grenzüberschreitende Geschäft für die Konzernbilanz bedeutsam – und setzt RBC zugleich Änderungen der Handelspolitik aus.
„Wir investieren in Wachstum, nicht in eine Entkopplung“, sagte McKay. Kanada solle den Handel mit Europa und Asien ausweiten, allerdings nicht zulasten des Geschäfts mit den USA. Das Abkommen zwischen den USA, Mexiko und Kanada (USMCA) gilt weiterhin und ist bis 2036 angelegt. Politische Rhetorik spiegele nicht immer die Bedürfnisse der Unternehmen wider, sagte McKay. Viele Firmen wollten ihre Aktivitäten in Nordamerika weiterhin gemeinsam ausbauen.
Höhere Kreditvorsorge als Puffer
RBCs Vertrauen in die Handelsbeziehungen schließt Vorsichtsmaßnahmen nicht aus. Im Mai 2025, rund einen Monat nach der Ankündigung von US-Zöllen, erhöhte die Bank ihre Kreditrisikovorsorge um 54 Prozent. McKay zufolge berücksichtigte sie damit das Risiko, dass ein Handelskrieg einen wirtschaftlichen Abschwung auslösen könnte. RBC hielt an den Ergebnissen ihrer Szenarioanalysen fest, obwohl die höhere Vorsorge das Ergebnis belastete.
Stephen Boland, Bankenanalyst bei Raymond James, sagte, kanadische Banken sollten bei der Kreditvergabe an US-Unternehmen auf mögliche Risiken achten. Zölle könnten kurzfristig auch auf Branchen ausgeweitet werden, die bislang nicht als betroffen galten. Die Unsicherheit über die Politik kann Unternehmen belasten und die Einschätzung ihrer Fähigkeit zur Rückzahlung von Krediten erschweren.
Auch breiter aufgestellte Erträge dienen RBC als Puffer. Die Bank ist nicht allein auf das Wachstum der gewerblichen Kreditvergabe angewiesen: Im jüngsten Quartal 2026 lag der Nettogewinn aus Vermögensverwaltung und Kapitalmarktgeschäft über dem aus dem Commercial Banking. Boland sagte, RBC sei nicht mehr lediglich eine Bank, deren Geschäft von der Ausweitung der Kreditvergabe abhänge. Die Mischung der Geschäftsbereiche könne das Institut in einem handelsbedingten Abschwung stützen.
City National steigert den Gewinn, Betrieb bleibt im Fokus
Ein weiteres wichtiges US-Geschäft von RBC ist die in Los Angeles ansässige City National Bank, die RBC 2015 übernommen hat. Während der Bankenkrise 2023 geriet City National unter Druck und verbuchte Verluste in Höhe von mehreren hundert Millionen US-Dollar. US-Aufsichtsbehörden verhängten zudem eine Geldbuße von 65 Millionen US-Dollar wegen Mängeln, unter anderem im Risikomanagement.
Zuletzt verbesserten sich die Ergebnisse. City National meldete im jüngsten Quartal von RBC einen Nettogewinn von 184 Millionen US-Dollar, nach 114 Millionen US-Dollar im gleichen Zeitraum 2025 und 52 Millionen US-Dollar 2024. McKay zufolge hatten die Handelsspannungen bislang nur begrenzte Auswirkungen auf City National und das US-Geschäft von RBC insgesamt. Boland sagte, die Bank habe rund drei Jahre daran gearbeitet, den Betrieb zu verbessern, und konzentriere sich nun auf das Kreditwachstum.
McKay führte die Erholung auch auf Veränderungen im Management zurück. Während der Pandemie wuchs die Bilanzsumme von City National rasch auf mehr als 100 Milliarden US-Dollar. Das bisherige Führungsteam hatte sich jedoch noch nicht auf die damit verbundenen regulatorischen Anforderungen eingestellt. RBC holte zwei Führungskräfte von Fifth Third Bancorp: Greg Carmichael wurde Executive Chairman von City National, Howard Hammond übernahm den Vorstandsvorsitz. Die Bank habe Führungskräfte mit Erfahrung bei Regionalbanken gebraucht, sagte McKay, statt eines Teams, das vor allem mit dem Community-Banking vertraut war.
Energiekosten als weiterer Unsicherheitsfaktor
Neben den Handelsbeziehungen beobachtet Boland, wie sich Kraftstoffkosten auf die Kunden von City National auswirken könnten. Energiekosten könnten die Betriebsabläufe von Unternehmen verändern, sagte er. Bislang sei jedoch keine klare Wirkung erkennbar; mögliche Anpassungen dürften sich schrittweise im Jahr 2027 zeigen. Für RBC bedeutet das, bei der Einschätzung des US-Risikos nicht nur Zölle, sondern auch Kosten und Geschäftsbedingungen der Kunden zu berücksichtigen.
Kanada und die USA hätten gemeinsame Interessen in den Bereichen Energie, Daten, Technologie und nationale Sicherheit, sagte McKay. Das biete eine praktische Grundlage für die weitere Zusammenarbeit. In einzelnen Branchen, darunter der Automobilproduktion, könnten zwar höhere Zölle bestehen bleiben. Die wirtschaftlichen Verbindungen zwischen beiden Ländern ließen sich jedoch kaum einfach lösen. RBC will deshalb weiter in das grenzüberschreitende Geschäft investieren und zugleich mit Kreditvorsorge, breiter aufgestellten Erträgen und Veränderungen bei der US-Tochter mögliche Folgen einer Verschärfung der Handelsbedingungen begrenzen.