Binance hat offengelegt, wie Angreifer digitale Vermögenswerte im Wert von 634 Millionen Dollar erbeuteten: Über einen kompromittierten Mitarbeitercomputer und interne KI-Tools übernahmen sie die Konten zweier für die Wallet-Infrastruktur zuständiger Entwickler. Anschließend griffen sie auf Signaturprozesse zu und lösten nicht autorisierte Transaktionen über mehrere Blockchains hinweg aus. Rund 285 Millionen Dollar der betroffenen Vermögenswerte wurden nach Angaben der Börse eingefroren oder abgefangen. Der Vorfall rückt die Risiken an den Schnittstellen von KI-Tools, Entwicklungsumgebungen und Mitarbeiterzugängen in den Fokus.
Kompromittierte Geräte öffneten den Zugang zu Wallet-Signaturen
Die Angreifer übernahmen am 20. Oktober die Konten der beiden Entwickler. Dabei nutzten sie laut Binance einen kompromittierten Mitarbeitercomputer und interne KI-Tools. Später erlangten sie Zugangstoken für Container-Deployments und drangen am 29. Oktober in den Signaturprozess der Wallet-Infrastruktur ein. Von dort aus veranlassten sie nicht genehmigte Transaktionen auf mehreren Blockchain-Netzwerken.
Die bislang veröffentlichten Informationen deuten nicht darauf hin, dass ein KI-Modell den Diebstahl eigenständig geplant oder ausgeführt hat. Vielmehr kamen gestohlene Zugangsdaten, kompromittierte Entwicklungssoftware und Social Engineering zusammen. Ein internes KI-Tool war Teil dieser Angriffskette.
Die Untersuchung führte zudem zu früheren Angriffen auf Mitarbeiter zurück. Im Juni lud ein Binance-Entwickler bei der Installation eines verbreiteten KI-Coding-Tools ein manipuliertes Installationsprogramm herunter. Binance registrierte ungewöhnliche Aktivitäten, tauschte das Gerät aus und erneuerte die betroffenen Zugangsdaten. Zu diesem Zeitpunkt waren jedoch bereits Informationen über den Mitarbeiter und Kollegen offengelegt worden.
Im September wurde ein weiterer Entwickler über ein fingiertes Bewerbungsverfahren ins Visier genommen. Die Angreifer setzten angebliche Vorstellungsgespräche an und infizierten den Computer des Mitarbeiters über eine schädliche Programmieraufgabe. Binance zufolge nutzten sie das Gerät anschließend, um sich weiteren Zugang zu internen Systemen zu verschaffen. Das FBI ordnete die übergeordnete Kampagne Nordkorea zu.
Sicherheitsforscher warnen vor KI-gestützten Angriffen auf Entwickler
Der Vorfall bei Binance fällt in eine Phase anhaltender Warnungen von Cybersicherheitsforschern: KI erweitert die Möglichkeiten von Angreifern und schafft zugleich zusätzliche potenzielle Zugangswege in Unternehmenssysteme. Im Februar berichtete Googles Sicherheitsteam Mandiant über KI-gestützte Methoden nordkoreanischer Hacker, die auf die Kryptobranche abzielten.
Forscher dokumentierten einen Angriff mit einem gefälschten Videomeeting und Schadsoftware. Sie vermuten, dass die Angreifer ein KI-generiertes Video einsetzten, um eine Führungskraft eines Unternehmens nachzuahmen. Ob es sich tatsächlich um einen Deepfake handelte, ließ sich nicht unabhängig bestätigen. Die Gruppe nutzte jedoch KI-Tools für Aufklärung und Social Engineering.
Googles Threat-Intelligence-Team erklärte im September, manche Angreifer gingen über die Erstellung schädlicher Inhalte mit KI hinaus und setzten die Technologie ein, um einzelne Phasen von Angriffen zu automatisieren. In einem Fall organisierten Hacker weniger als sechs Stunden nach dem Zugriff auf Cloud-Ressourcen eine groß angelegte, KI-gestützte Kampagne zum Diebstahl von Zugangsdaten. Google stellte außerdem Versuche fest, KI-Coding-Assistenten und Sicherheitsscanner im Rahmen von Angriffen auf die Software-Lieferkette zu manipulieren.
Anthropic teilte im selben Monat mit, dass Kriminelle und mutmaßlich staatlich unterstützte Akteure sein Modell Claude für Aufklärung, die Entwicklung von Angriffswerkzeugen und automatisierten Datendiebstahl eingesetzt hätten. Bei einigen Operationen übernahmen KI-Agenten mehrere Schritte mit nur begrenzter menschlicher Kontrolle. Der Binance-Fall zeigt, dass Entwickler und die von ihnen genutzten KI-Tools zugleich einen Zugang zu besonders sensibler Infrastruktur eröffnen können.
Binance erneuert Systeme und plant Zusammenarbeit mit der Branche
Binance zufolge hat das Unternehmen die betroffenen internen KI-Tools und die Wallet-Infrastruktur neu aufgebaut, kompromittierte Mitarbeitergeräte ersetzt und Zugriffsrechte verschärft. Außerdem wurde eine unabhängige Cybersicherheitsprüfung beauftragt. Sie soll die Untersuchungsergebnisse überprüfen und weitere Schutzmaßnahmen ermitteln.
Die Börse will stärker in KI-gestützte Bedrohungserkennung, Endgeräteschutz, die Absicherung von Entwicklungsumgebungen und Verhaltensüberwachung investieren. Zudem plant Binance einen Fonds für Sicherheitsforschung und gezielte Kooperationen mit KI-Unternehmen, Akteuren der Blockchain-Branche und Cybersicherheitsfirmen. Höhe, Beteiligte und Starttermin des Fonds sind bislang nicht bekannt.
Von den betroffenen digitalen Vermögenswerten im Wert von 634 Millionen Dollar wurden nach Angaben von Binance rund 285 Millionen Dollar eingefroren oder abgefangen. Zum 31. Oktober waren 98 Prozent der betroffenen Token-Bestände wieder aufgefüllt. Welche Schwachstellen durch den Zugriff auf die interne KI-Umgebung offengelegt wurden, ist noch nicht abschließend geklärt. Die Ergebnisse der unabhängigen Prüfung sollen in weitere Sicherheitsmaßnahmen und die Planung des Branchenfonds einfließen.