Binance bezifferte den Umfang des Sicherheitsvorfalls vom 29. Oktober auf rund 6,34 Milliarden Dollar und erklärte, die finanziellen Folgen zu tragen. In derselben Woche ging der TVL von Aave und Lido deutlich zurück. Zugleich schrumpfte der Stablecoin-Markt weiter: Die Marktkapitalisierung aller Stablecoins lag am 3. November laut DeFiLlama bei rund 293,8 Milliarden Dollar und damit mehr als 10 Milliarden Dollar unter dem Wert von 30 Tagen zuvor. Vom 27. Oktober bis zum 3. November sank der TVL von Aave um rund 1,03 Milliarden Dollar, der von Lido um 713 Millionen Dollar. Der TVL misst den Dollarwert der in einem Protokoll gebundenen Vermögenswerte. Ein Rückgang allein belegt weder Abhebungen noch ein Solvenzproblem.
Bei Aave blieben Auszahlungen trotz Reserve-Sperre möglich
Der Binance-Vorfall betraf auch das dezentrale Kreditprotokoll Aave. Eine mit dem Angreifer verbundene Wallet zahlte 60 Millionen USDT bei Aave ein und lieh sich 19.762 Wrapped Ethereum (WETH) im damaligen Wert von rund 44,6 Millionen Dollar. Der Risikodienstleister LlamaRisk erklärte in einer Einschätzung vom 30. Oktober, die Position sei überbesichert, unterliege den üblichen Liquidierungsregeln und stelle für Einleger kein Risiko dar.
Aaves Guardians froren anschließend 175 Reserven von Aave V3 und 117 Reserven von V4 ein. Während der Sperre waren für diese Reserven weder neue Einzahlungen noch zusätzliche Kredite möglich. Rückzahlungen, Abhebungen und Liquidierungen blieben dagegen freigeschaltet. Nutzer konnten verfügbare Token abziehen; neue Einzahlungen, die die Liquidität wieder aufgefüllt hätten, waren nicht möglich.
Laut LlamaRisk trieben Abhebungen die Auslastung einiger großer Reserven auf 92 bis 100 Prozent. Damit war nahezu das gesamte eingezahlte Kapital verliehen. Die Kreditkosten stiegen, woraufhin die Protokollverwalter vorübergehend die Obergrenze der Zinskurven senkten. Um den 31. Oktober wurden die betroffenen Reserven wieder geöffnet. In einem Update vom 2. November teilte LlamaRisk mit, dass einige Sicherheiten-Einstellungen für Nicht-Stablecoins wiederhergestellt worden seien. Die Zinskurven der betreffenden Reserven lagen seit dem 1. November wieder auf dem Niveau vor dem Vorfall.
USDT, USDC und USDT0 blieben in den betroffenen Konfigurationen jedoch weiterhin ohne Beleihungswert. Unter diesen Einstellungen konnten die Stablecoins nicht als Sicherheit für Kredite dienen. Die Einschränkungen galten abhängig von der jeweiligen Reserve-Konfiguration.
TVL-Rückgänge bei fünf großen Protokollen
Im Vergleich der Tageswerte vom 27. Oktober und 3. November verzeichnete Aave den größten Rückgang in Dollar. Lido verlor im selben Zeitraum 713 Millionen Dollar. Auch JustLend, Morpho und Sky meldeten niedrigere TVL-Werte.
| Protokoll | TVL am 27. Okt. | TVL am 3. Nov. | Rückgang |
|---|---|---|---|
| Aave | 17,435 Mrd. $ | 16,405 Mrd. $ | 1,030 Mrd. $ |
| Lido | 22,557 Mrd. $ | 21,844 Mrd. $ | 713 Mio. $ |
| JustLend | 6,856 Mrd. $ | 6,419 Mrd. $ | 437 Mio. $ |
| Morpho | 11,450 Mrd. $ | 11,092 Mrd. $ | 358 Mio. $ |
| Sky | 5,469 Mrd. $ | 5,157 Mrd. $ | 312 Mio. $ |
Da der TVL in Dollar gemessen wird, können fallende Tokenpreise den Wert auch dann drücken, wenn die Zahl der hinterlegten Token unverändert bleibt. Ein niedrigerer TVL zeigt daher für sich genommen weder, dass Vermögenswerte das Protokoll verlassen haben, noch, dass es zahlungsunfähig ist.
Stablecoin-Markt schrumpfte bereits vor dem Vorfall
Die Daten von DeFiLlama weisen für die Stablecoin-Marktkapitalisierung über 30 Tage einen Rückgang von rund 10,8 Milliarden Dollar aus. Schätzungen auf Grundlage der gerundeten Marktwerte und Veränderungsanteile legen nahe, dass USDT und USDC zusammen etwa 8,4 Milliarden Dollar dieses Minus ausmachten. Eine separate historische Datenreihe mit abweichender Abdeckung zeigt einen Rückgang der gesamten Stablecoin-Marktkapitalisierung von 308,8 Milliarden Dollar am 4. Oktober auf 303,3 Milliarden Dollar am 27. Oktober. Die Schrumpfung setzte demnach schon vor dem Binance-Vorfall ein.
Rücknahmen bei Stablecoin-Emittenten wandeln umlaufende Token in Fiatgeld um. Das ist nicht dasselbe wie eine Übertragung von einer Börse auf eine private Wallet oder eine andere Adresse. Auch führt das Einfrieren gestohlener Token nicht automatisch dazu, dass sie aus dem Umlauf verschwinden. Für Kreditmärkte stellt sich kurzfristig vielmehr die Frage, ob Nutzer bei Bedarf Zugang zu Liquidität haben: Weniger tiefe Handelsmärkte können bei gleicher Ordergröße den Slippage erhöhen, eine höhere Reserveauslastung kann Kredite verteuern und sinkende Sicherheitenpreise das Liquidierungsrisiko steigern.
Ein Anstieg des in Dollar gemessenen TVL allein wäre kein Beleg für eine Verbesserung der Liquiditätslage. Aussagekräftiger wären eine Erholung der Nettoemission von Stablecoins, wieder steigende Einlagen in Kreditmärkten, eine niedrigere Reserveauslastung bei zugleich verfügbaren Abhebungsmitteln sowie stabilere Sicherheitenpreise.