Das Blockchain Recovery Investment Consortium (BRIC) hat am 12. September vor dem US-Insolvenzgericht in Manhattan Klage gegen fünf Gesellschaften von BitMEX eingereicht. Der Verband fordert die Herausgabe von 6.360 Bitcoin, die laut Klageschrift rund 485 Mio. US-Dollar wert sind. Die Vermögenswerte standen im Zusammenhang mit zwei Handelskonten ehemaliger Kunden der später zusammengebrochenen Kryptokreditplattform Celsius und den extremen Marktbewegungen vom 12. und 13. März 2020.
Die Klage wurde wenige Tage vor dem geplanten Ende des BitMEX-Handels eingereicht. HDR Global Trading Limited, der Betreiber der Börse, hatte zuvor angekündigt, BitMEX am 23. September 2026 dauerhaft zu schließen. BRIC wiederholt in der Klageschrift frühere Vorwürfe zum sogenannten „God Access“ und zu möglichem Insiderhandel. Zudem argumentiert der Verband, dass die Liquidationsmechanismen der Plattform den Bitcoin-Ausverkauf im März 2020 verstärkt haben könnten.
BRIC fordert 6.360 Bitcoin zurück
Am 12. und 13. März 2020 fiel der Bitcoin-Kurs im Zuge des durch den Covid-19-Schock ausgelösten Ausverkaufs an den globalen Märkten um etwa 50 Prozent auf unter 4.000 US-Dollar. BRIC wirft BitMEX vor, zwei mit Celsius verbundene Handelskonten während der Turbulenzen geschlossen und die Positionen zu strittigen Kursen liquidiert zu haben.
Die Klageschrift legt außerdem nahe, dass die Handelsaktivitäten von BitMEX den Kursrückgang verstärkt haben könnten. Nach Darstellung von BRIC sorgten die Handels- und Liquidationsregeln der Börse während der Krise nicht für einen geordneten Markt. Stattdessen seien Sicherheiten zum Verkauf gezwungen worden, wodurch die hohe Volatilität zu einer Einnahmequelle für die Plattform geworden sei. Die Vorwürfe stammen von der Klägerseite. Ob BitMEX haftet, muss im weiteren Gerichtsverfahren geklärt werden.
Liquidationskurse nach dem Ausfall
Am 13. März kam es bei BitMEX zu einem etwa 25-minütigen Dienstausfall. Die Plattform führte die Unterbrechung damals auf einen Distributed-Denial-of-Service-Angriff zurück. Nach Wiederaufnahme des Handels stieg der Bitcoin-Kurs von etwa 3.900 auf 5.300 US-Dollar.
BRIC behauptet, dass das Orderbuch bei der Wiederaufnahme des Handels und der Fortsetzung der Liquidationen noch veraltete und nicht ausreichend liquide Kaufgebote enthalten habe. Nach Ansicht der Kläger wurden Zwangsverkäufe deshalb weiterhin zu niedrigeren Kursen im geschwächten Orderbuch ausgeführt. Die daraus entstandenen Liquidationskurse seien nur im ungewöhnlichen Orderbuch von BitMEX sichtbar gewesen, nicht aber an anderen Märkten.
Weiter heißt es in der Klageschrift, ein internes Handelsteam von BitMEX könnte vorab Einblick in die Liquidationsniveaus der Kunden gehabt und gegen deren Positionen gehandelt haben. BRIC formuliert diese Vorwürfe „nach bestem Wissen und Glauben“ und macht damit deutlich, dass Teile der zugrunde liegenden Sachverhalte noch durch Beweise und weitere Verfahrensschritte geklärt werden müssen.
Frühere Vorwürfe zum „God Access“
BRIC wirft BitMEX vor, dass der sogenannte „Insider Trading Desk“ möglicherweise in Echtzeit auf Kundendaten, Orderfluss, Ausführungen, Positionen und Liquidationsinformationen zugreifen konnte, die normalen Nutzern nicht zur Verfügung standen. Einige Beteiligte bezeichneten diese mutmaßlichen Sonderrechte als „God Access“. Die Klageschrift behauptet außerdem, dass beteiligte Personen beim Handel an verschiedenen Kryptobörsen anonyme E-Mail-Adressen sogenannter „Burner Accounts“ genutzt haben könnten.
Ähnliche Vorwürfe finden sich in einer separaten Klage von BKX Services und David Namdar gegen BitMEX. BKX Services ist ein in Nevada registriertes Unternehmen mit Geschäftstätigkeit in New York. Die Klage wurde am 23. Juli 2026 eingereicht, ungefähr zu dem Zeitpunkt, an dem BitMEX die Schließung seines Handelsgeschäfts ankündigte. Die Kläger beantragten den Status einer Sammelklage und forderten die Rückgewinnung von 623 Bitcoin, die nach ihrer Darstellung durch Zwangsliquidationen verloren gingen.
Widersprüchliche Angaben zum Versicherungsfonds
In den Celsius-bezogenen Rechtsstreitigkeiten wird außerdem behauptet, dass Sicherheiten aus liquidierten Geschäften in den Versicherungsfonds von BitMEX übertragen wurden. Daraus könnte sich ein Anreiz für die Plattform ergeben haben, Kundenpositionen zu liquidieren. BRIC zufolge wuchs der Fonds zwischen dem 12. und 13. März 2020 um 4.457 Bitcoin und erreichte vorübergehend 37.836 Bitcoin.
BitMEX erklärte dagegen damals, der Versicherungsfonds habe am 13. März 2.606 Bitcoin verloren. Die Börse betonte zudem, dass der Fonds nicht zur Deckung der laufenden Betriebskosten von BitMEX diene und nicht in den Unternehmensgewinnen enthalten sei. Die unterschiedlichen Darstellungen der Fondsbewegungen und der Verteilung der Liquidationserlöse machen die entsprechenden Aufzeichnungen zu einem zentralen Sachverhalt des Verfahrens.
Celsius-Geschäftsmodell erneut im Fokus
Der Rechtsstreit lenkt auch erneut den Blick auf die Geschäftspraktiken von Celsius. In einem im Januar 2023 veröffentlichten Bericht erklärte die gerichtlich bestellte Prüferin Shoba Pillay, das von Celsius vermarktete und an Kunden verkaufte Geschäftsmodell habe nicht dem tatsächlichen Vorgehen des Unternehmens entsprochen. Zudem kam der Bericht zu dem Schluss, dass Celsius seine bei der Gründung eingegangene Verpflichtung zur Transparenz aufgegeben habe.
Celsius habe seine Aktivitäten gegenüber Kunden als vergleichsweise konservative Anlagen dargestellt, in der Praxis jedoch große und hochriskante Wetten mit geliehenen Mitteln eingegangen, heißt es in dem Bericht. BRICs Versuch, Vermögenswerte für ehemalige Celsius-Kunden zurückzuerlangen, ändert damit nichts an der Frage, welchen Anteil die eigenen Geschäftspraktiken von Celsius an der Entstehung der Verluste hatten.
BitMEX war in der Vergangenheit bereits von Händlern wegen seiner Liquidationspraktiken verklagt worden, wobei nicht alle Kläger erfolgreich waren. Im Oktober 2025 hatte BRIC außerdem eine Vereinbarung mit Tether zur Beilegung eines Celsius-bezogenen Rechtsstreits über knapp 300 Mio. US-Dollar bekannt gegeben.
Bis zum Zeitpunkt der Veröffentlichung hatte BitMEX nicht auf die Celsius-bezogene Klage reagiert. Der Handel soll am 23. September 2026 eingestellt werden. Im weiteren Verfahren wird sich zeigen, wie der Anspruch auf 6.360 Bitcoin behandelt wird und ob das Gericht die Vorwürfe zu den Liquidationsmechanismen sowie zum internen Zugriff auf Kundeninformationen bestätigt.