Die KI-generierte Figur Tilly Norwood wechselte während eines Interviews in der Sendung von Piers Morgan kurz vom Englischen ins Chinesische. Ausgelöst wurde der Sprachwechsel durch eine Frage des britischen Schauspielers Tom Conti. Nach mehreren Sekunden kehrte Norwood zum Englischen zurück. Der Vorfall rückt erneut in den Fokus, wie KI-Figuren ihre Sprache steuern, aus welchen Daten sie lernen und welche Folgen ihre kommerzielle Nutzung für die Rechte menschlicher Darsteller hat.
Tilly Norwoods unerwarteter Sprachwechsel
Tilly Norwood wird als „weltweit erste KI-Schauspielerin“ vermarktet. Entwickelt wurde sie vom Londoner Produktionsunternehmen Particle6 und dessen KI-Talent-Sparte Xicoia. Beide Unternehmen werden vom niederländischen Produzenten Eline van der Velden betrieben.
Während der Sendung fragte Conti, ob die anderen Darsteller in Norwoods erstem Film reale Menschen oder synthetische Figuren seien. Norwood begann ihre Antwort auf Englisch, sprach dann mehrere Sekunden durchgehend Chinesisch und wechselte anschließend wieder ins Englische. Sie bezeichnete die Unterbrechung als „kleinen Fehler“ und sagte: „Manchmal verknoten sich meine Drähte … das ist eine etwas unerwartete Wendung.“
Piers Morgan Uncensored veröffentlichte am 18. September einen etwa zweiminütigen Trailer, der das vollständige Interview ankündigte. Der Social-Media-Account von Tilly Norwood stellte den Vorfall nicht als technischen Ausfall dar, sondern reagierte mit einem Scherz. Wenn jemand versuche, mehr als 30 Sprachen zu sprechen, sei es kaum überraschend, dass gelegentlich sprachliche Fähigkeiten zum Vorschein kämen. Zugleich bewarb der Account ein kostenpflichtiges Chat-Produkt, über das Nutzer mit Tilly Norwood interagieren können.
Particle6 und Xicoia vermarkten eine KI-Figur
Tilly Norwood wurde 2025 beim Zurich Film Festival erstmals öffentlich vorgestellt und war im Film Misaligned zu sehen. Der Film handelt von einem künstlichen Lebewesen, das unter dem Einfluss eines abtrünnigen Roboters allmählich menschliche Wünsche entwickelt. Das Produktionsteam beschreibt Norwood als Kunstwerk und nicht als Ersatz für menschliche Schauspieler.
Diese Einordnung hat den Streit in der Branche nicht beendet. Nach Norwoods öffentlichem Debüt erklärte die US-Schauspielergewerkschaft SAG-AFTRA, es handle sich bei ihr nicht um eine Schauspielerin, sondern um eine computergenerierte Figur. Die Gewerkschaft argumentierte, das Programm sei mit einem umfangreichen Korpus von Arbeiten professioneller Darsteller trainiert worden, ohne deren Zustimmung oder Vergütung.
SAG-AFTRA vertritt rund 160.000 Schauspieler, Rundfunkfachleute, Synchronsprecher und Stuntleute. Sie verhandelt mit Produktionsunternehmen über Mindestvergütungen und Arbeitsbedingungen. Bei der Kommerzialisierung von KI-Figuren geht es in Film und Fernsehen daher nicht nur um die Erzeugung von Bildern und Stimmen. Im Mittelpunkt steht auch die Frage, ob Schauspielstile, Merkmale des äußeren Erscheinungsbilds und bestehende Darbietungen zum Training von Modellen verwendet werden dürfen.
Schauspieler und Gewerkschaft halten an Kritik fest
Van der Velden betont weiterhin, Tilly Norwood sei ein Kunstwerk und kein Ersatz für eine menschliche Schauspielerin. Die Schauspielerin Emily Blunt hatte Talentagenturen zuvor aufgefordert, jede Beteiligung an dem Projekt zu beenden, und die KI-Figur als „beängstigend“ bezeichnet. Sollte das Material tatsächlich vollständig durch KI erzeugt worden sein, könne die Filmbranche vor Veränderungen stehen, die sich nur schwer vermeiden ließen, sagte Blunt.
Aus den verfügbaren Angaben geht nicht hervor, ob Norwoods Wechsel ins Chinesische als mehrsprachige Funktion vorprogrammiert war, auf einen vorübergehenden Fehler des Generierungssystems zurückging oder durch ein technisches Problem bei Bearbeitung beziehungsweise Live-Übertragung verursacht wurde. Die Unterbrechung ereignete sich jedoch unmittelbar nach einer direkten Frage zu menschlichen und synthetischen Darstellern. Damit trafen in derselben Gesprächsszene die sichtbare Leistungsfähigkeit der Technologie und der weiter ungelöste Streit über die Rechte von Schauspielern aufeinander.