Gold hat seine jüngste Handelsspanne behauptet, obwohl die Anleiherenditen auf Mehrjahreshochs gestiegen sind. Zugleich verzeichneten Gold-ETFs weiterhin Nettozuflüsse. Kenny Zhu, Leiter Research und Investmentstrategie bei Sprott, sieht darin ein Zeichen für einen gespaltenen Markt mit leicht aufwärtsgerichteter Tendenz. Auf längere Sicht stützen zudem Notenbankkäufe und eine schrittweise Umschichtung weg von Dollar-Anlagen die Nachfrage.
Bei der Portfolioallokation verwies Zhu darauf, dass die Zuflüsse in Gold-ETFs weniger stark ausfallen als während der Gold-Rally im August, aber weiterhin positiv sind. Die Widerstandsfähigkeit des Goldpreises trotz steigender Renditen und anhaltender Mittelzuflüsse deutet seiner Einschätzung nach darauf hin, dass einige Anleger auf dem aktuellen Niveau Positionen aufbauen oder ausweiten. Die verfügbaren Daten sprächen allerdings nicht für einen breit angelegten Ansturm auf Edelmetalle.
Notenbanken schichten ihre Reserven um
Zhu betrachtet die Goldkäufe der Notenbanken als strukturelle Stütze für den Markt. Der Trend habe bereits vor 2022 eingesetzt, sich nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine und den darauf folgenden Sanktionen jedoch beschleunigt. Der Ausschluss Russlands aus dem internationalen Zahlungssystem machte den politischen Einfluss des US-Dollars und der damit verbundenen Finanzinfrastruktur besonders deutlich. Einige Notenbanken begannen daraufhin, die Zusammensetzung ihrer Währungsreserven neu zu bewerten.
Die Diskussion über eine Reduzierung chinesischer Bestände an US-Staatsanleihen und eine Umschichtung in andere Anlageklassen sei nicht neu, sagte Zhu. Gold sei dabei eine mögliche Alternative. Auch Russland habe seinen Goldanteil erhöht. Seitdem stehen die Käufe von Notenbanken aus Schwellenländern stärker im Fokus, da einige dieser Volkswirtschaften das Verhältnis zwischen Dollar-Anlagen und Gold neu justieren.
Selbst ohne geopolitische Faktoren könnten Notenbanken versuchen, ihre Konzentration auf US-Anlagen zu verringern und Währungsschwankungen durch eine breitere Diversifizierung zu steuern, so Zhu. Ein stärkerer Dollar kann andere Währungen unter Druck setzen. Für Länder wie die Türkei, deren Wechselkurs stärkeren Schwankungen ausgesetzt ist, können daraus unmittelbarere geld- und wirtschaftspolitische Herausforderungen entstehen. Bei der Anpassung ihrer Reserven kommen sowohl Gold als auch US-Staatsanleihen infrage.
Seit 2022 ist der Goldanteil an den weltweiten Notenbankreserven gestiegen, während der Anteil auf Dollar lautender Anlagen zurückgegangen ist. Zhu betonte, dass es sich nicht um einen abrupten Wechsel handle, auch wenn sich die Verschiebung in den vergangenen Jahren beschleunigt habe. Die fortgesetzte Anpassung der Notenbankbestände schafft eine Goldnachfrage, die sich von kurzfristigen Handelsaktivitäten unterscheidet.
Inflation schwächt Anleihen als Absicherung
Steigende Anleiherenditen erhöhen normalerweise die Opportunitätskosten einer Goldanlage, da das Edelmetall keine Zinsen abwirft. Anleger müssten jedoch auch den Grund für den Renditeanstieg berücksichtigen, erklärte Zhu. Spiegeln höhere Marktzinsen vor allem Inflation, einen sinkenden Geldwert oder Sorgen über die Staatsverschuldung wider, lässt sich die Attraktivität von Gold nicht allein anhand des Renditeniveaus beurteilen.
Inflation verringert den realen Wert festverzinslicher Anleihen. Selbst bei einer Haltung bis zur Endfälligkeit kann eine anhaltend hohe Teuerung die Kaufkraft künftiger Kuponzahlungen schmälern. Steigen die Marktrenditen über die Verzinsung bereits gehaltener Anleihen, geraten zudem deren Kurse unter Druck. Zhu bezeichnete Inflation daher als wesentliche Schwachstelle von Anleihen. Bei zunehmendem Preisdruck könnten sie die von Anlegern erwartete Absicherung möglicherweise nicht bieten.
Die Inflationsbelastungen der vergangenen Jahre führte Zhu auf ein lange lockeres geldpolitisches Umfeld und eine hohe Liquidität zurück. Nach einer früheren Phase mit Leitzinsen nahe null habe die Federal Reserve die Zinsen nur langsam angehoben. Dadurch könnte die Liquidität länger als nötig reichlich geblieben sein. Die Kräfte hinter den steigenden Renditen spiegelten deshalb nicht nur Veränderungen bei den Zinsen wider, sondern auch die Einschätzung der Anleger zur Inflation und zum Wert des Geldes.
Zwei mögliche Konjunkturpfade für Gold
Für die weitere Entwicklung skizzierte Zhu zwei Szenarien. Kommt es zu einer sanften Landung der Wirtschaft, muss die Federal Reserve die Zinsen möglicherweise nicht aggressiv erhöhen und kann ihre Politik an die jeweils verfügbaren Konjunkturdaten anpassen. Das könnte den Druck auf Gold verringern und dem Edelmetall ermöglichen, zu seinem längerfristigen strukturellen Trend zurückzukehren.
Das Gegenstück wäre ein unerwarteter Wirtschaftsschock mit anschließender harter Landung. In diesem Fall könnte die Federal Reserve zu einem deutlichen Kurswechsel gezwungen sein. Sollte eine solche Wende den Zinsdruck reduzieren, könnten sowohl Gold als auch Silber profitieren und Gold zusätzlichen Auftrieb erhalten. Welches Szenario eintritt, hänge jedoch von den Konjunkturdaten, dem Inflationsverlauf und der Reaktion der Federal Reserve ab.
Vorerst bleiben die Renditen auf Mehrjahreshochs ein klarer Gegenwind für Gold. Käufe der Notenbanken, die Diversifizierung von Währungsreserven und anhaltende Nettozuflüsse in ETFs wirken dem entgegen. Die gegenläufigen Kräfte halten den Markt gespalten. Die stabile Preisentwicklung und die Fondsflüsse zeigen zugleich, dass Anleger die Rolle von Edelmetallen in ihren Portfolios weiterhin prüfen.