Angesichts mehrjähriger Höchststände bei den US-Staatsanleiherenditen baut Jim Bianco sein Engagement in Bonds nach Jahren pessimistischer Einschätzungen wieder aus. Der Präsident von Bianco Research hält Renditen von mindestens 5 Prozent für US-Treasuries mit Laufzeiten von fünf bis 30 Jahren für vereinbar mit Inflation und Wirtschaftswachstum. Ein solches Niveau war seit rund zwei Jahrzehnten nicht mehr über dieses Laufzeitenspektrum hinweg zu beobachten. Für Bianco deutet es eher auf eine Rückkehr zu normaleren Zinsen als auf eine Fehlfunktion des Anleihemarktes hin. Eine anhaltende Rendite von 5 Prozent bleibt zugleich ein wichtiger Referenzwert für Risikoanlagen wie Bitcoin.
Bianco hält 5 Prozent für ein plausibles Zinsniveau
In einem Fernsehinterview verwies Bianco auf eine Inflation von etwa 3 Prozent und ein reales Wirtschaftswachstum von rund 2 Prozent. Zusammengenommen ergebe sich daraus ein nominales Wachstum von ungefähr 5 Prozent. Renditen von etwa 5 Prozent bei US-Staatsanleihen stünden damit im Einklang mit dem Wachstumstempo der US-Wirtschaft und könnten in den kommenden Jahren ein angemessenes Zinsniveau darstellen.
Nach Biancos Einschätzung prägt die Phase negativer Zinsen und geldpolitischer Lockerung von 2010 bis 2020 weiterhin die Erwartungen der Anleger. Die Märkte könnten daher Zeit benötigen, um sich an eine Rückkehr der Zinsen in eine normalere Spanne anzupassen. Der Anleihemarkt sei deshalb nicht zwangsläufig „kaputt“.
Den jüngsten Ausverkauf betrachtet Bianco noch nicht als beendet. Die Kurse von Anleihen könnten weiter unter Druck geraten. Deshalb erhöht er sein Engagement schrittweise und nicht durch eine einmalige große Allokation. Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen bewegte sich zuletzt nahe ihrem höchsten Stand seit fast 20 Jahren. Damit bleibt die Neubewertung des Anleihemarktes im Mittelpunkt.
CCC-Schuldner stehen vor höheren Refinanzierungskosten
Die Kreditaufnahme großer Cloud-Anbieter und Unternehmen aus dem Bereich künstliche Intelligenz hält Bianco weiterhin für beherrschbar. Zugleich sei die Unternehmensverschuldung gemessen am Bruttoinlandsprodukt in den vergangenen zehn bis 15 Jahren zurückgegangen.
Größere Sorgen bereitet ihm der schwächste Teil des Kreditmarktes, insbesondere Unternehmensanleihen mit einem CCC-Rating. Dazu zählen Emittenten aus Bereichen wie Glücksspiel, Kabelfernsehen und Lotteriegeschäft. Anleihen mit einem B-Rating, also eine Stufe höher, zeigten bislang keine vergleichbar eindeutigen Anzeichen von Belastungen.
Einige Unternehmen hatten sich vor etwa fünf Jahren zu deutlich niedrigeren Zinsen refinanziert. Wenn diese Schulden fällig werden, könnte eine Anschlussfinanzierung im aktuellen Hochzinsumfeld die Finanzierungskosten spürbar erhöhen. Nach Biancos Einschätzung ist der Druck bislang noch nicht breit angelegt. Er will jedoch weiter beobachten, ob die betroffenen Emittenten ihre Schulden bedienen und refinanzieren können.
Zehnjährige Treasury-Rendite bleibt Bitcoin-Referenz
Der Analyst Benjamin Cowen erwartet, dass die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen bis Mitte November ihren Höchststand erreichen könnte. Am 1. Oktober lag sie bei 5,342 Prozent. Cowen geht außerdem davon aus, dass die langfristigen Zinsen in den kommenden zehn bis 20 Jahren weiter steigen könnten.
Sollten sich Treasury-Renditen nahe 5 Prozent dauerhaft halten, müssen Anleger bei der Bewertung von Bitcoin (BTC) und anderen Risikoanlagen eine höhere risikofreie Rendite berücksichtigen. Entscheidend sind damit nicht nur die kurzfristige Frage nach einem möglichen Renditehoch, sondern auch die Fähigkeit bonitätsschwächerer Unternehmen, mit höheren Refinanzierungskosten umzugehen.