- Die kurzfristigen Kreditkosten in der Eurozone sind den zweiten Handelstag in Folge gesunken, da Händler aufgrund der jüngsten Rückgänge bei den Rohstoffpreisen wie Rohöl und der Verlangsamung der neuesten Einkaufsmanagerindizes (PMI) ihre Erwartungen an die Straffungspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) bis Ende des Jahres stark reduziert haben.
- Die Divergenz der geldpolitischen Erwartungen auf beiden Seiten des Atlantiks nimmt zu. Aufgrund der starken US-Wirtschaftsdaten und der hawkischen Haltung der Fed-Vertreter hat sich der Renditeabstand zwischen deutschen und US-amerikanischen zweijährigen Staatsanleihen auf 163 Basispunkte ausgeweitet, den höchsten Stand seit September 2025.
- Auf dem Primärmarkt hat die deutsche Bundesregierung heute erfolgreich zweijährige Staatsanleihen im Gesamtwert von 30,87 Milliarden Euro verkauft, wobei die durchschnittliche Rendite bei 2,57 % lag, dem niedrigsten Stand seit April dieses Jahres. Das Bieterverhältnis erreichte 1,9, was die starke Nachfrage nach hoch bewerteten Staatsanleihen in einem Umfeld makroökonomischer Unsicherheit zeigt.
Geldmärkte beschleunigen Neubewertung des Zinserhöhungspfads
Laut den neuesten Daten des Swap-Marktes erwarten kurzfristige Zinshändler derzeit, dass die Europäische Zentralbank bis Ende des Jahres die Zinsen nur um etwa 30 Basispunkte anheben wird, was darauf hindeutet, dass der Markt implizit nur eine Zinserhöhung um 25 Basispunkte im Oktober erwartet. In der vergangenen Woche hatte der Markt noch mindestens zwei Zinserhöhungen bis Jahresende eingepreist. Diese deutliche dovishe Wende wurde hauptsächlich durch den jüngsten Rückgang der internationalen Rohölpreise unter die Marke von 80 Dollar pro Barrel ausgelöst. Die jüngste Zunahme des Energieflusses durch die Straße von Hormus hat die Sorgen über angebotsseitig verursachte Inflation gemildert und damit den Druck auf die EZB verringert, durch aggressive Zinserhöhungen die langfristigen Inflationserwartungen zu verankern.
Wirtschaftsaktivität schrumpft und Inputkosten sinken
Auch die hochfrequenten Daten der makroökonomischen Fundamentaldaten konnten keine Unterstützung für eine anhaltende Straffung bieten. Die jüngsten PMI-Daten für den Euro-Raum im Juni zeigen, dass die Schrumpfungsrate zwar im Vergleich zum Vormonat nachgelassen hat, aber die wirtschaftliche Aktivität im privaten Sektor bereits den dritten Monat in Folge im Schrumpfungsbereich liegt. Noch entscheidender ist, dass der Anstieg der Inputkosten auf den niedrigsten Stand seit dem Vorabend des Ausbruchs der geopolitischen Konflikte im Februar 2022 zurückgegangen ist. Die Wirtschaftswissenschaftler sind sich einig, dass die durch den Einkaufsmanagerindex angezeigte schwache wirtschaftliche Erholung und der Rückgang des Kostendrucks den Spielraum der EZB für eine aggressivere Geldpolitik einschränken werden, da das aktuelle wirtschaftliche Umfeld keine Grundlage für eine erhebliche Straffung bietet.
Ausweitung des Zinsabstands zwischen Deutschland und den USA führt zu Neuausrichtung des grenzüberschreitenden Kapitals
Da der neue Fed-Vorsitzende Waller kürzlich wiederholt seine Entschlossenheit zur Eindämmung der Inflation betont hat und die US-Wirtschaft Resilienz zeigt, bleiben die Renditen von US-Staatsanleihen auf hohem Niveau, wobei die Rendite der zweijährigen US-Staatsanleihen zuletzt bei 4,196 % lag. Im Vergleich dazu ist die Rendite der zweijährigen deutschen Staatsanleihen auf 2,575 % gesunken. Der Renditeabstand hat sich in den letzten zwei Monaten von 113 auf 163 Basispunkte erheblich ausgeweitet. Diese Asynchronität der politischen Zyklen hat nicht nur zu Positionsanpassungen auf dem Rentenmarkt geführt, sondern auch den Euro-Dollar-Wechselkurs unter Druck gesetzt und einige grenzüberschreitende Arbitragegelder in US-Dollar-Anlagen gelenkt.
Uneinigkeit unter Zentralbankbeamten über Inflationsaussichten
Obwohl die Marktpreise eine deutliche dovishe Wende zeigen, bleibt die Entscheidungsebene der Europäischen Zentralbank vorsichtig. Der Chefvolkswirt der EZB, Lane, erklärte kürzlich, dass die Gesamtinflation im Euro-Raum in naher Zukunft wahrscheinlich auf einem relativ hohen Niveau bleiben wird und es schwierig sein wird, schnell auf das politische Ziel zurückzukehren. Gleichzeitig wies Ratsmitglied Kazimir darauf hin, dass die potenziellen Auswirkungen geopolitischer Konflikte auf die Lieferketten nicht schnell verschwinden werden, was darauf hindeutet, dass die Zentralbank noch Arbeit bei der Eindämmung der Preissteigerungen zu leisten hat. Allerdings ist der einjährige Inflationsswap im Euro-Raum, der die mittelfristigen Inflationserwartungen misst, in dieser Woche deutlich auf etwa 2,52 % gesunken, was zwar immer noch leicht über dem gesetzlichen Ziel der Zentralbank von 2 % liegt, aber deutlich unter dem Dreijahreshoch von fast 4 % Ende Mai liegt.