Die Lieferstörungen im Schwarzen Meer treffen inzwischen auch Weizenkäufer weit außerhalb der Region. Golden Wheat, ein Mehlhersteller aus Ho-Chi-Minh-Stadt, hatte vier Weizenladungen aus ertragreichen Anbaugebieten rund um das Schwarze Meer gesichert. Nachdem sich der Russland-Ukraine-Konflikt in diesem Sommer verschärft hatte, wurde dem Unternehmen mitgeteilt, dass die Lieferungen nicht wie geplant verladen werden könnten, sagte CEO Tue Vuong.
Die vier Ladungen entsprechen rund einem Fünftel des jährlichen Weizenbedarfs von Golden Wheat. Für einen Abnehmer, der etwa 5.000 Meilen vom Schwarzen Meer entfernt sitzt, bringt der plötzliche Ausfall die bestehenden Liefervereinbarungen unter Druck. Gleichzeitig bleibt nur wenig Zeit, Ersatzmengen zu beschaffen.
Golden Wheat sucht Ersatz in Bulgarien
Nach Angaben von Vuong boten Lieferanten später bulgarischen Weizen als Ersatz für zwei der vier Ladungen an. Eine Versorgungslücke bleibt jedoch bestehen. Der CEO verbrachte mehrere Wochen damit, zusätzliche Mengen zu finden und die Lagerbestände wieder aufzufüllen.
„Ich war damals sehr besorgt“, sagte Vuong. Seiner Einschätzung nach war Golden Wheat zu stark von der Lieferregion am Schwarzen Meer abhängig. Dadurch sei das Unternehmen besonders exponiert, da sich Transport- und geopolitische Risiken gleichzeitig erhöht hätten.
Für Mühlen bestimmen die Ankunftszeiten des Weizens Produktionsabläufe, Lagerplanung und Beschaffungskosten. Wenn die Frachtwege am Schwarzen Meer gestört sind, müssen Abnehmer ihre Einkäufe auf andere Herkunftsländer verteilen. Dabei ändern sich zugleich Transportvereinbarungen, Lieferfenster und die tatsächlich verfügbaren Mengen.
Störungen verändern die Getreidebeschaffung
Im Mittelpunkt der Marktbeobachtung stehen häufig Energietransporte und Öllieferungen. Das Schwarze Meer ist jedoch auch eine wichtige Exportroute für Getreide. Unterbrechungen im Schiffsverkehr können Unternehmen, die auf Weizen aus der Region angewiesen sind, zu alternativen Bezugsquellen wie Bulgarien zwingen. Anschließend müssen sie neu bewerten, wann Ersatzladungen eintreffen können und welche Mengen tatsächlich verfügbar sind.
Der Fall von Golden Wheat zeigt, dass die Folgen über die internationalen Schifffahrtsrouten hinausreichen. Wenn bereits kontrahierte Ladungen nicht bewegt werden können, müssen weit vom Ursprungsort entfernte Verarbeiter ihre Einkaufspläne kurzfristig anpassen. Für Unternehmen, die Weizen aus dem Schwarzen Meer in ihre Jahresplanung aufgenommen haben, ist die Diversifizierung von Herkunftsländern und Transportwegen damit zu einer unmittelbaren operativen Frage geworden.
Von den vier geplanten Weizenladungen von Golden Wheat sind bislang nur zwei durch bestätigte Ersatzlieferungen aus Bulgarien abgedeckt. Wie die verbleibende Versorgungslücke geschlossen werden soll und ob der Schiffsverkehr im Schwarzen Meer zu seinem früheren Tempo zurückkehrt, ist weiterhin offen.